Eines Tages war auch Hoven in der Solitüde erschienen. Wie er mit dem Freunde in der prächtigen Allee lustwandelte, welche die Orangerie durchschnitt, sagte er: »Höre, Fritz, ich habe dir eine Einladung zu überbringen von dem Obersten Rieger auf dem Asperg, der ganz begeistert ist von deinen ›Räubern‹ und außerdem noch ganz stolz hervorhebt, daß du sein Patenkind seiest. Ich weiß nicht, ob das wahr ist; aber das hab' ich ihm versprechen müssen, daß ich dich hinausbringe.«

»Wie, geschehen denn Wunder und Zeichen? Oder soll das eine Falle sein?«

»Sei unbesorgt, der alte Kerkermeister Schubarts meint es diesmal ehrlich; ja er hat sogar diesem armen Teufel die ›Räuber‹ zu lesen gegeben und ihn veranlaßt, eine Rezension darüber zu schreiben. Er hat sich nun eine ganz besondere Komödie ausgedacht und will dich unter einem falschen Namen bei Schubart einführen und diesen so zu einer offenen Aussprache über dein Werk veranlassen.«

»Wenn's so liegt, Wilhelm, komme ich; ich komme Schubarts wegen, den ich kennen lernen muß, denn ich spüre in meiner Seele etwas von der seinen … Aber Riegers Verhalten begreife ich nicht! Er, der als der Peiniger seines armen Gefangenen verschrien ist, wäre einer besseren Regung fähig?«

»Tu' ihm nicht ganz unrecht, Fritz! Vergiß nicht, daß er selber in den Kerkern des Asperg gesteckt hat und ein wenig weiß, wie es Gefangenen zumute ist. So kommt's, daß er Anwandlungen hat von Weichmütigkeit; dann behandelt er besonders Schubart beinahe rücksichtsvoll. Und dieser ist klug genug geworden, sich die Schwäche seines Kerkermeisters nutzbar zu machen; er preist manchmal in einem Gedichte dessen gute Seiten, und dafür ist Rieger außerordentlich empfänglich, wie er überhaupt für einen Freund der Poesie gelten will.«

»Und ihm hast du die ›Räuber‹ gegeben und mich als den Verfasser genannt?«

»Ja doch. Ich hatte Gelegenheit, einer Theatervorstellung auf dem Asperg beizuwohnen, welche er veranstaltet hatte. Das Stück wimmelte von Schmeicheleien auf ihn, und da alle bei solchen Stellen Beifall klatschten, tat auch ich es, und zwar mit ironischer Heftigkeit. Aber er nahm's als pure Münze und lud mich in schmeichelhafter Weise schon für den nächsten Tag in sein Haus, und dabei brachte ich ihm dein Werk. Schon einige Tage später äußerte er sich entzückt darüber und bat, ihm den Verfasser zu nennen, und als ich's tat, beschwor er mich, dich persönlich bei ihm einzuführen. Und soweit sind wir.«

»Gut, ich komme – Schubarts wegen.«

Damit war die Sache abgemacht, und bereits in der nächsten Zeit finden wir Schiller mit Hoven auf dem Asperg, wo Rieger diesen Besuch geradezu zu einem kleinen Feste gestaltete. Dazu wurde Schubart herbeigeholt. Dieser saß damals das dritte Jahr auf der Festung, auf welcher er noch sieben Jahre verweilen sollte. Er war dahin gekommen, weil er sich den Zorn des Herzogs durch einige beißende Artikel und Epigramme zugezogen hatte, und man hatte seinerzeit den Unglücklichen, der in der freien Reichsstadt Ulm wohnte und dort durchaus sicher war, in hinterlistiger Weise auf das benachbarte württembergische Gebiet gelockt und ihn dort verhaftet. In der ersten Zeit seiner Haft war er geradezu unmenschlich behandelt worden, so daß der kräftige, geistig außerordentlich rege Mann ein gebrochener Mensch geworden war. Aber der heilige Funke des Genius war noch in seiner Seele vorhanden, und ab und zu zuckte die Flamme heller wieder empor, und in machtvollen und wehmütigen Klängen strömte sein Empfinden aus.