Er kannte Schiller nicht, und dieser hatte ihn nicht gesehen. Nun sah er ihn, bleich, aufgedunsen, mit matten Augen und schlottrigem Gange, und dem Regimentsmedikus tat das Herz weh, – er wußte, welch ein Feuergeist hier in langsamer Pein gemordet wurde.
Rieger stellte Schiller als Dr. Fischer aus Stuttgart vor, und es war diesem eine schmerzliche Wonne, sich mit dem armen Gefangenen über literarische Dinge zu unterhalten. Da brachen die leuchtenden Funken mitunter hervor aus den müden Augen, und die fahlen Lippen fingen an, beredt zu werden. Er selber brachte das Gespräch auf die ›Räuber‹, und nun war es, als sei Schubart ein völlig anderer geworden. Seine Gestalt hob sich, in das Gesicht kam Wärme und in die Augen Leben.
»Das ist ein Werk, von dem die Zukunft noch reden wird; es ist mit einer flammenden Feder geschrieben und wird einen Feuerbrand in die Welt werfen.«
»Sie haben ja eine Rezension der ›Räuber‹ geschrieben; wollen Sie dieselbe nicht dem Herrn Doktor vorlesen?« fragte jetzt Rieger, und Schubart erhob sich rasch, um die Handschrift zu holen.
Er begann zu lesen, und dabei vergaß er alles, was ihm widerfahren war; man merkte, sein Lob kam aus dem Herzen. Seine Stimme hatte den alten, vollen Klang, den man vordem an ihr bewundert hatte, und der ganze Aufsatz zeigte die Spannkraft und Geistesschärfe, die dem Verfasser vordem eigen gewesen war. Schiller fühlte sich tief bewegt und atmete schwer, als der Vorleser zu Ende war. Es trat eine Pause ein, die niemand unterbrach, denn alle Anwesenden waren seltsam ergriffen. Schubart hatte das Haupt gesenkt; jetzt hob er es wieder.
»Nur einen Wunsch hätte ich, – dem Dichter, der das geschrieben hat, einmal ins Auge sehen zu können.«
Da legte Rieger ihm die Hand auf die Schulter: »Ihr Wunsch ist erfüllt – er steht vor Ihnen.«
Da sprang Schubart auf, tat einen tiefen Atemzug, und mit leuchtenden Augen und einem Aufjauchzen in der Stimme sagte er: »Sie sind's – der Dichter der ›Räuber‹?«
Dann umarmte er ihn, küßte ihn heftig auf die Wangen, und Schiller fühlte, wie auf sein Gesicht Tränen niedertropften, Tränen der Freude. Er hat diese Stunde niemals vergessen können.