Als er nach einiger Zeit sich entfernte, trat ihm im Korridor Schubart noch einmal entgegen und gab ihm eine Papierrolle. »Nehmen Sie das als Erinnerung an diese Stunden und an einen Unglücklichen, dem Sie ein Glück gebracht, dessen er stets eingedenk bleiben wird.«
Schiller schlug das Papier auseinander; es enthielt ein Gedicht, betitelt: »Die Fürstengruft«. Mit einem innigen Händedruck dankte er und schied, und dieser Tag war kein verlorener in seinem Leben.
Sein Abglanz leuchtete ihm noch nach in die elende Junggesellenstube in Stuttgart, wohin er zurückkehrte. Am Abend war er heimgekommen und hatte die Tür verschlossen gefunden. Nun hätte er beim Hauswirt den Schlüssel holen oder auf seinen Stubengenossen Kapf warten, oder auch in den »Ochsen« gehen können, wo er gewiß Bekannte traf, – nichts von alledem; er nahm nach seiner Gewohnheit eine Prise Tabak, und dann trat er mit kräftigem Fuße die Tür ein; er hatte das zwingende Bedürfnis, die Kraft, die er heute in sich fühlte, in irgendeiner Weise äußern zu können.
Er trat ein und zündete seine Kerze an, dann las er zum andernmal Schubarts »Fürstengruft«, und noch lange schritt er erregt in dem kleinen Raume auf und nieder. Endlich trat er wieder an den Tisch, und jetzt fiel ihm hier erst ein Brief auf, der mit einem großen Siegel verschlossen war. Verwundert nahm er ihn in die Hand und las die Adresse – es war die seine –, dann betrachtete er das Siegel und las die Umschrift: »Intendanz des Hoftheaters in Mannheim«.
Mit einem kräftigen Ruck hatte er den Brief geöffnet, war an das Licht herangetreten und las nun beinahe atemlos, während seine Augen sich zu vergrößern schienen. Jetzt warf er das Schriftstück auf den Tisch und begann lustig um denselben zu tanzen und laut zu singen.
Da öffnete sich die Tür; in ihrem Rahmen stand eine junge, nicht unschöne Frau mit blondem Haar und blauen Augen, und sah ihm verwundert zu, indes sie die Hände ineinander faltete. Es war Schillers Hauswirtin, eine verwitwete Hauptmann Vischer, die ihm freundlich zugetan war. Endlich findet sie Worte: »Aber, um des Himmels willen, sind Sie toll geworden, oder was ist's?«
Nun erst sah sie der Regimentsmedikus; mit einem Sprunge war er bei ihr, umfaßte sie, gab ihr einen regelrechten und herzhaften Kuß und wirbelte sie mit sich im Tanze um den großen Eichentisch, dann rief er: »Laura, ich bin glücklich – ich bin unendlich glücklich – da lesen Sie, lesen Sie!«
Er führte die rascher Atmende, die sich seinen Armen entwand, zum Tische und reichte ihr das Schreiben, das auch sie mit einer unverkennbaren Hast durchflog, dann gab sie, indem sie es fallen ließ, ihm beide Hände und rief: »Herzlichen Glückwunsch! Das ist der wahre Anfang zum Ruhme – nun kann es nicht mehr fehlen! Vorwärts, mein Adler, vorwärts, empor zur Sonnenhöhe!«
»Ja, zur Sonnenhöhe, Laura!« sagte Schiller und hob die Augen voll Begeisterung empor, dann erfaßte er wieder den Brief. »Und nun muß ich in den ›Ochsen‹ und muß auch der ganzen Manille noch die Sensationsnachricht bringen – die Kerls werden Gesichter machen. Gute Nacht!«