Die Räuber.
Ein Trauerspiel in sieben Handlungen; für die Mannheimer Nationalbühne vom Verfasser, Herrn Schiller, neu bearbeitet.
Dem Personenverzeichnis war ein »Avertissement« beigefügt, welches lautete:
»Der Verfasser an das Publikum.
Die Räuber – das Gemälde einer verirrten großen Seele – ausgerüstet mit allen Gaben zum Fürtrefflichen, und mit allen Gaben – verloren – zügelloses Feuer und schlechte Kameradschaft verdarben sein Herz, rissen ihn von Laster zu Laster, bis er zuletzt an der Spitze einer Mordbrennerbande stand, Greuel auf Greuel häufte, von Abgrund zu Abgrund stürzte in alle Tiefen der Verzweiflung – doch erhaben und ehrwürdig, groß und majestätisch im Unglück, und durch Unglück gebessert, rückgeführt zum Fürtrefflichen. – Einen solchen Mann wird man im Räuber Moor beweinen und hassen, verabscheuen und lieben … Man wird auch nicht ohne Entsetzen in die innere Wirtschaft des Lasters Blicke werfen und wahrnehmen, wie alle Vergoldungen des Glücks den inneren Gewissenswurm nicht töten – und Schrecken, Angst, Reue, Verzweiflung hart hinter seinen Fersen sind. – Der Jüngling sehe mit Schrecken dem Ende der zügellosen Ausschweifungen nach, und der Mann gehe nicht ohne den Unterricht von dem Schauspiel, daß die unsichtbare Hand der Vorsehung auch den Bösewicht zu Werkzeugen ihrer Absicht und Gerichte brauchen und den verworrensten Knoten des Geschicks zum Erstaunen auflösen könne.«
Der Anfang der Vorstellung war auf »präzise fünf Uhr« angesetzt.
Ganz Mannheim geriet in Bewegung; die Jungen erzählten sich auf den Gassen, die Erwachsenen am Mittagstische nur von dem neuen Stücke, und die allgemeine Erwartung und Erregung steigerte sich noch, als bereits im Laufe des Vormittags zahlreiche Wagen aus Darmstadt, Mainz, Frankfurt, Worms und anderen Städten kamen, welche zahlreiche fremde Neugierige brachten. Alles suchte sich Theaterkarten zu verschaffen, und da die Logenplätze schnell genug vergriffen waren, und jeder noch einen möglichst guten Sitz zu erlangen suchte, begann bereits um ein Uhr mittags der Zudrang zum Theater, das lange vor der fünften Stunde völlig gefüllt war.
Der Dichter des Stückes aber war mit den zahlreichen Fremden ebenfalls eingetroffen, begleitet von seinem Freunde Petersen. Viele sahen den schmächtigen jungen Mann mit dem blassen Gesicht; aber wohl keiner beachtete ihn, und ihm selbst lag nicht daran, erkannt zu werden; denn heimlich und ohne einen Urlaub einzuholen, der ihm doch wohl verweigert worden wäre, war er aus Stuttgart abgereist.
Um fünf Uhr saß er mit klopfendem Herzen in der kleinen Loge, welche der Intendant ihm aufbehalten hatte. Seine Stimmung war eine gehobene und vertrauensvolle, so daß er zu seinem Freunde äußerte: »Ich freue mich wie ein Kind; ich glaube, meine ganze dramatische Welt wird dabei aufwachen und mir im ganzen einen größeren Schwung geben; denn es ist das erstemal in meinem Leben, daß ich etwas mehr als Mittelmäßiges hören werde.«
Das letzte, einigermaßen selbstbewußte Wort mochte wohl auch mit Bezug auf die tüchtigen schauspielerischen Kräfte gesprochen sein, über welche die Mannheimer Bühne verfügte, wie Boek, welcher den Karl, und vor allem Iffland, welcher den Franz Moor spielen sollte.