Draußen vor dem Theater standen viele, welche keinen Einlaß mehr hatten finden können, voll Unmut und Neugier, während drinnen jetzt ein tiefes Schweigen sich über die dichtgedrängte Menge lagerte und der Vorhang emporrauschte. Aber das Publikum schien sich erst an all das, was es sah und hörte, gewöhnen zu müssen. Der Intendant hatte neue malerische Kostüme anfertigen lassen, die szenische Ausstattung stand auf der Höhe der Zeit, und der häufige Wechsel des Schauplatzes gab Veranlassung, auch in dieser Hinsicht die Schaulust zu befriedigen, und dazu dröhnte und klang die Sprache des Dichters mit einem neuen, fremden Schwunge und griff an die Phantasie und das Herz der Hörer. Trotzdem gingen die ersten drei Akte ohne besondere Beifallskundgebungen hin.

Nun kam der vierte Akt Und brachte eine fortwährende Steigerung der Erregung: Der Räuber Moor unerkannt im Schlosse seiner Väter, wo er erfährt, wie er schmachvoll betrogen worden um sein Erbteil, um das Herz seines Vaters und um seine Braut … dann die Szene der lagernden Räuber im nächtlichen Walde bei dem einsamen Turme, dem Gefängnis des alten Moor, der, abgemagert zum Skelett, hervorgeholt und von seinem verstoßenen Sohne erkannt wird – – wie das die Seelen durchrüttelte, und als Karl seinen getreuen Schweizer abgeschickt, um den unnatürlichen Sohn und Bruder »ganz und lebendig« herbeizubringen … »Du sollst eine Million zur Belohnung haben, ich will sie einem König mit Gefahr meines Lebens stehlen, und du sollst frei ausgehen wie die weite Luft« – da brach mit dem Fallen des Vorhangs der stürmische, immer wiederkehrende Beifall los.

Und doch war der Höhepunkt noch nicht erreicht. Das geschah erst, als die Zuhörer die Schauer des Gerichtes hereinbrechen sahen über den verzweifelnden Verbrecher. Dunkel liegt die Nacht in den Gemächern seines Schlosses; aus der Dämmerung hebt sich das bleiche Gesicht Iffland-Moors ab, das so scharf und zutreffend alle Regungen der Seele wiedergibt. Es ist so grauenhaft und doch so erschütternd und packend, wie er mit seiner angstgequälten Seele, mit den verzerrten Zügen dasteht und die bleichen Lippen dem alten Diener Daniel den Traum erzählen, der ihn aufgescheucht hat – den Traum von dem jüngsten Gericht: »Plötzlich traf ein ungeheurer Donner mein schlummerndes Ohr; ich taumelte behende auf, und siehe, mir war's, als sähe ich aufflammen den ganzen Horizont in feuriger Lohe, und Berge und Städte und Wälder wie Wachs im Ofen zerschmelzen, und eine heilende Windsbraut fegte von hinnen Meer, Himmel und Erde – da erscholl's wie aus ehernen Posaunen: Erde, gib deine Toten! Gib deine Toten, Meer! Und das nackte Gefild begann zu kreißen und aufzuwerfen Schädel und Rippen und Kinnbacken und Beine, die sich zusammenzogen in menschliche Leiber und daherströmten unübersehlich, ein lebendiger Sturm. Damals sah ich aufwärts, und siehe, ich stand am Fuß des donnernden Sinai, und über mir Gewimmel und unter mir, und oben auf der Höhe des Berges auf drei rauchenden Stühlen drei Männer, vor deren Blicke floh die Kreatur …«

So ging es weiter, und atemlos, regungslos, bleich saßen die Zuschauer. Von der Bühne her aber klang es mit einer Stimme, in der das ganze Grauen wirklichen Empfindens nachzitterte: »Schneebleich standen alle, ängstlich klopfte die Erwartung in jeder Brust. Da war mir's, als hörte ich meinen Namen zuerst genannt aus den Wettern des Berges, und mein innerstes Mark gefror in mir, und meine Zähne klapperten laut. Schnell begann die Wage zu klingen in der Hand eines, der sie hielt zwischen Aufgang und Niedergang, zu donnern begann der Fels, und die Stunden zogen vorüber, eine nach der andern an der links hängenden Schale, und eine nach der andern warf eine Todsünde hinein … die Schale wuchs zu einem Gebirge; aber die andere, voll vom Blute der Versöhnung, hielt sie noch immer hoch in den Lüften, – zuletzt kam ein alter Mann, schwer gebeugt von Gram, angebissen den Arm von wütendem Hunger, aller Augen wandten sich scheu von dem Mann; ich kannte den Mann, er schnitt eine Locke von seinem silbernen Haupthaar, warf sie hinein in die Schale der Sünden, und siehe, sie sank, sank plötzlich zum Abgrund, und die Schale der Versöhnung flatterte hoch auf! – Da hört' ich eine Stimme schallen aus dem Bauche des Felsen: Gnade, Gnade jedem Sünder der Erde und des Abgrunds! Du allein bist verworfen! …«

Und nun bricht der Räubertumult heran, von draußen schallt das wütende: Stürmt! Schlagt tot! Brecht ein! und der zitternde Schurke sinkt in die Knie und will beten: »Höre mich beten, Gott im Himmel! – Es ist das erstemal – soll auch gewiß nimmer geschehen – erhöre mich, Gott im Himmel!« … und während den zitternden Zuschauern das Blut erstarrt und die Haare sich sträuben, hören sie statt des Gebetes die Gotteslästerung: »Ich bin kein gemeiner Mörder gewesen, mein Herrgott – hab' mich nie mit Kleinigkeiten abgegeben, mein Herrgott – –« und nun lodert der Feuerschein des brennenden Schlosses auf, und wie Schweizer mit den Seinen eindringt, findet er Franz, der mit seiner goldenen Hutschnur sich erdrosselt hat.

Nun brach der entfesselte Sturm des Beifalls los, der alle Schranken überschritt. – Schiller aber lehnte sich zurück in seinem Sitz und hielt beide Hände vor das Gesicht, als habe ihn ein Schwindel erfaßt, während seine Seele vermeinte, Flügel zu haben, und sich hinausgetragen wähnte über die Welt der Wirklichkeit. Dann fühlte er, wie die Rechte des Freundes die seine erfaßte und mit innigem Drucke festhielt. Als der Vorhang zum letztenmal fiel, tobte der Beifall aufs neue, und während das Haus anfing leerer zu werden und die hundertköpfige Menge sich draußen zerschlug, um den Ruhm des Stückes und seines Dichters weiterzutragen, nahm dieser den Glückwunsch Dalbergs entgegen, der in seine Loge eingetreten war, sowie jenen des Kammerrates Schwan, der ihn endlich mit sich fortzog.

Die Nacht lag in den Gassen Mannheims, als die Männer durch dieselben schritten; begeistert redeten Schwan und Petersen, Schiller aber schwieg, – was er heute erlebt hatte, übertraf seine kühnsten Erwartungen, und in seiner Seele lebte das Bewußtsein seines eigentlichen Berufes. Schwan führte ihn nach einem Gasthause, wo die Schauspieler sich eingefunden hatten, um den Dichter zu feiern.

In einem hellerleuchteten, behaglich warmen Zimmer saßen sie beisammen, und da Schiller eintrat, klangen ihm begeisterte Hochrufe entgegen, Hände streckten sich aus, um die seine zu drücken, und die Schauspielerin Toscani, welche die Amalia gespielt hatte, setzte einen Kranz auf das Haupt des Dichters. Dann setzten sich alle und aßen und tranken gemeinsam, und bis tief in den Morgen hinein floß der Strom geistvoller und heiterer Gespräche. Endlich erhob sich Schiller, dem Schwan vier Goldstücke als Reisevergütung überreichte, um nach dem ereignisreichen Tage noch einige Stunden zu ruhen.