Mit Unbehagen kehrte er nach Stuttgart in seine steife Uniform zurück; aber der Schimmer, welcher seine Seele durchleuchtet hatte, konnte nicht verlöscht werden im Alltagstreiben, um so mehr, als teilnehmende Freunde immer wieder von seinem Erfolge zu hören wünschten und er nur zu gern erzählte. So hatte er im »Ochsen« einen begeisterten und aufrichtigen Kreis gefunden – zumal die Genossen von der Karlsschule, die alte »Bande«, freute sich seines Erfolges –, hatte die aufrichtige Umarmung Streichers sich gefallen lassen, hatte in der Solitüde draußen die Glückwünsche von Mutter und Schwestern entgegengenommen und freundlichste Teilnahme im Hause der Frau von Wolzogen gefunden.

Auch der Schaffensdrang war im Wachsen, und er begann mit einem neuen großen Stücke: »Die Verschwörung des Fiesko«, um so mehr, da er hörte, daß »Die Räuber« auch an anderen Orten mit vielem Beifall aufgenommen wurden, wie in Hamburg und in Leipzig; hier war zuletzt die Aufführung des Stückes untersagt worden, weil man meinte, daß die ungewöhnlich zahlreichen Diebstähle während der Meßzeit vielleicht durch dasselbe veranlaßt sein könnten.

Der Winter war indes vergangen; langsam, mit Regenschauern und Sturmessausen nahte der Frühling. Die Knospen trieben an Strauch und Baum, und in den Gärten schimmerte es grün; aber man suchte am Morgen und Abend zumal den wärmenden Ofen.

Um diesen hatten sich an einem Märzabend auch die Mitglieder der Tafelrunde im »Ochsen« eingefunden: Scharffenstein, Petersen, Reichenbach, Schiller, und der letztere lehnte behaglich in seinem Sitze und ließ vergnügt die blaugrauen Wolken aus seiner Pfeife steigen.

»Nun, wie steht's mit deiner Promotion zum Doktor der Medizin?« fragte Reichenbach, »man munkelt, daß du scharf an deiner Dissertation dazu arbeitest.«

Schillers behaglich-vergnügtes Gesicht verfinsterte sich. »Wer zum Henker heißt dich heute daran rütteln? – Warum willst du mir die gute Stunde verderben? Zum Kuckuck mit allen Dissertationen der Welt!«

»Ja, willst du denn nicht promovieren, nachdem es so bequem gemacht ist, seit Kaiser Joseph die Karlsschule zum Range einer Universität erhoben hat und du hier den Doktorgrad zu erlangen vermagst? – Hoven ist schon tüchtig an der Arbeit!«

»Ich gönn' ihm sein Vergnügen und seine Ehre. – Was tu' ich mit dem Doktor der Medizin? – Ich praktiziere auch ohne den Titel recht und schlecht weiter, und wenn ich's rundum besehe, bin ich zum Arzte verdorben. Dafür dürft' ich meine Patienten fragen, für die's ein Segen wäre, wenn ich's Kurieren aufgeben könnte. Meine Mittel sind alle zu kräftig – biegen oder brechen. Das ist so mein System, und das paßt nicht in die alte Theorie, weshalb mein teurer Vorgesetzter, der Leibmedikus Elwert, auch jedes meiner Rezepte erst gründlich darauf prüft, ob der Patient meine Mixtur auch vertragen kann. Hab' da just ein Wischlein zur Hand, eine Selbstrezension über die ›Räuber‹, und damit die ganze Welt weiß, woran sie ist, habe ich es eigenhändig hier niedergeschrieben, was ich von meiner Medizin halte. Da!«

Er warf ein Heft auf den Tisch, das Petersen ergriff und aus welchem er vorlas: »Der Verfasser der ›Räuber‹ – er soll ein Arzt bei einem württembergischen Grenadierbataillon sein, und wenn das ist, macht es dem Scharfsinn seines Landesherrn Ehre. So gewiß ich sein Werk verstehe, so muß er starke Dosen in Emeticis ebenso lieben, als in Aestheticis, und ich möchte ihm lieber zehn Pferde, als meine Frau zur Kur geben.«