»Ja, Kinder, und wenn ich euch sage, daß der ›Almanach für Apotheker auf das Jahr 1781‹ das einzige medizinische Buch ist, das ich bisher gekauft habe, könnt ihr ungefähr erkennen, wie weit ich mit meiner Dissertation sein muß. – Pah, von etwas anderem!«

Er brannte sich von neuem seine Pfeife an. »Wo bleibt heute Streicher? Der Junge hat mir mit seiner Musik jüngst eine trübe Stunde aus der Seele getrieben; er hat Herz in den Fingern, sag' ich euch – –«

»Und Durst in der Kehle!« rief eine lustige Stimme, und der junge Musiker trat an den Tisch, warf seinen feuchten Mantel ab und setzte sich mit heiterem Gruße zu den anderen.

»Einen Schoppen Roten und eine Pfeife!« herrschte er dem Schenkburschen zu, sah dann mit vergnügten Augen im Kreise herum, als ob er sehen wollte, was es Neues gebe, und nachdem er seinen Tabak in Brand gebracht, sprach er: »Was gebt ihr, wenn ich euch etwas Lustiges berichte? – 's ist zwar an sich nichts Neues; aber ihr wißt es doch noch nicht!«

»Ohne Präambula!« rief Scharffenstein – »los mit dem vollen Orchester!«

»Schiller, die Sache trifft dich oder vielmehr ›Die Räuber‹, – ja, wer Komödien schreibt, muß fürsichtig sein.«

»Na, wem zum Henker hab' ich denn wieder unrecht getan? Wenn's nur ein Kritiker ist, so laß ihn stecken, Andreas, über die Sorte bin ich hinaus.«

»Die Sache hat aber den Reiz der Neuheit; denn diesmal ist Spiegelberg in den ›Räubern‹ der schuldige Teil. Wie sagt der Kerl doch? – ›Zu einem Spitzbuben will's Grütz – auch gehört dazu ein eigenes Nationalgenie, ein gewisses, daß ich so sage, Spitzbubenklima, und da rat' ich dir: Reis' ins Graubündner Land, das ist das Athen der heutigen Gauner.‹ Das ist die Stelle, hinter der ein gewisser Wredow eine Ehrenbeleidigung Graubündens wittert, der in den ›Hamburger Adreßcomptoir-Nachrichten‹ einen geharnischten Aufsatz losläßt, um die fürchterliche Anklage zu entkräften. Hier ist das Schriftstück!« Streicher legte ein Heft auf den Tisch.

»Vorlesen!« erscholl es im Kreise, und während die Pfeifen dichter qualmten, las der junge Musiker mit gemachtem Pathos den hochtönenden Artikel, nach dessen Beendigung der ganze Kreis in ein fröhliches Lachen ausbrach. Schiller saugte behaglich an seinem Rohre und sprach gutgelaunt: »Daß auch noch der Spitzbube Spiegelberg sich an mir rächen und in edelmütiger Weise für meine Berühmtheit sorgen würde, hätt' ich nicht vermeint. Na, legen wir's ad acta

Man redete aber trotzdem noch weiter über die Sache und war eben im besten Zuge, als Leutnant Kapf, Schillers Stubengenosse, kam. Er rief sogleich: »Der Herr Regimentsmedikus ist ja niemals zu Hause, wenn die Post kommt. Hier ein Brief und ein Päckchen, – dran gerochen hab' ich bereits, hab' aber nichts herausschnüffeln können, als daß beides aus Chur kommt.«