Schiller nahm das Schreiben und las es, während die andern schweigend und neugierig ihn betrachteten. Um seine Lippen zuckte es mehrmals wie ein Lächeln, bis er das Papier weglegte und sagte: »Kinder, die Zeit treibt wunderliche Blasen in Menschenköpfen. Da leistet sich einer die Fortsetzung der famosen Spiegelberggeschichte. Ein Dr. Amstein in Chur teilt mir mit, daß er in dem ›Sammler‹ eine Anklageschrift veröffentlicht habe unter dem schönen Titel ›Apologie für Bünden gegen die Beschuldigung eines auswärtigen Komödienschreibers‹, und daß er mir anbei das Schriftstück, das mich als einen böswilligen Verleumder eines Staates hinstellt, übersende; gleichzeitig aber verlangt er von mir eine öffentliche Ehrenerklärung für Graubünden. Wer noch etwas Dümmeres vorbringen kann, erhält von mir einen Taler.«
»Laß doch den kostbaren ›Sammler‹ sehen!« rief Petersen, und gleichgültig warf Schiller ihm das Päckchen hin. Der andere öffnete und hatte bald genug den Artikel gefunden.
»Soll ich's zum Vortrag bringen oder wollen wir zuerst Schillern den Genuß allein lassen?«
»Mir schmeckt alles besser in Gesellschaft – also vorwärts mit der Sudelei. Zuvor noch einen Schoppen Roten!« rief dieser.
Der »Rote« kam und die Vorlesung begann, nicht ohne durch witzige und manchmal auch derbe Zwischenrufe unterbrochen zu werden, bis Schiller endlich auf den Tisch klopfte: »Ich dächte, wir hätten genug von dem Gewäsche; 's ist, als ob jemand einem Wasser in den Wein gösse – brr! Was einem so hingeworfenen Worte für eine Wichtigkeit gegeben werden kann! Strebertum und kein Ende! Der Kerl will eine Fehde mit mir, um auch sein Stückchen Berühmtheit zu haben!«
»Und was denkst du zu tun?« fragte Reichenbach.
Anstatt der Antwort nahm Schiller den empfangenen Brief, drehte ihn langsam zusammen, näherte ihn dem Lichte, und wie er aufflammte, zündete er daran seine ausgegangene Pfeife an, warf das Papier dann zu Boden und trat die Flamme mit dem Fuße aus.
»So, – dem Dinge wär' sein Recht geschehen – und nun ein anderes Kapitel!« sagte er ruhig, und bald war das Gespräch zu andern Dingen gelangt. – –
Wenige Tage später war es, daß Herzog Karl Eugen im Schloßgarten zu Ludwigsburg lustwandelte. Es war ein schöner Aprilmorgen, die Sonne leuchtete auf dem grünen Rasen, und die Amseln sangen. Der Fürst war begleitet von dem Garteninspektor Walter, einem Manne, dessen ganzer Erscheinung man Eitelkeit und Selbstgefälligkeit, gemischt mit kriecherischem Wesen, anmerkte. Karl Eugen war wohlgelaunt und hatte manch freundliches Wort der Anerkennung über die Gartenanlagen gesprochen, das Walter mit strahlendem Gesichte und gebeugtem Rücken entgegennahm. Nun fragte der Fürst leutselig: »Weiß Er sonst etwas Neues zu berichten?«