Er ergriff seinen Mantelsack, schweigend folgten ihm die Freunde, und bald rollte der Wagen durch den kalten Wintertag mit knirschenden Rädern hin gegen Worms. Im Posthause ward abgestiegen. Es war Abend geworden, und da sie eben sich zum Imbiß setzten, erzählte ihnen der geschwätzige Posthalter, daß in seinem Saale heute von einer umherziehenden Gesellschaft das Stück »Ariadne auf Naxos« aufgeführt würde. Das konnte über die Wehmut der Abschiedsstunden einigermaßen hinweghelfen, und die Freunde gingen denn gemeinsam, um dem Schauspiel beizuwohnen.

Bei demselben war alles erbärmlich, und das Schicksal der verlassenen Ariadne reizte zur Heiterkeit, um so mehr, als Theseus auf einem Schiffe davongefahren war, an dessen Bord zwei Kanonen gemalt waren, und als man gar nicht im Zweifel sein konnte, daß der grollende Donner des Gewitters, das Ariadne von dem Felsen schleudert, hervorgebracht war durch einen Sack mit Kartoffeln, welche in ein Blechgefäß geschüttet wurden.

Lustige Bemerkungen gingen hin und her, nur Schiller saß still, in sich versunken. Er hörte wohl ebensowenig die Worte des Melodramas, als die Witze seiner Gefährten; seine Blicke waren in die Vergangenheit gerichtet und in die Zukunft, der er entgegenging. Er dachte wohl auch daran, wie man seine »Räuber« in ähnlicher Weise da und dort aufführen mochte, und wie man sich vielleicht bei dem gewaltigen Pathos Karl Moors, das mit der Szenerie nicht im Einklang stand, belustigen mochte, und eine trübe Bitterkeit wollte ihn erfassen. Aber mannhaft zwang er dies Gefühl nieder, doch war er froh, als die Aufführung zu Ende war.

Noch ein Stündchen saßen die Freunde beisammen und tranken den Abschied in einem Glase Liebfrauenmilch, – dann hieß es auseinandergehen. Die Mannheimer wollten noch in der Nacht nach der Heimat zurück, und nun ging es an ein Umarmen und Küssen. Meyer und andere sprachen viel und gezwungen heiter, nur Streicher war ernst und stumm. Er hatte dem Freunde am meisten an Liebe getan und fühlte am herbsten seinen Verlust. Schiller mochte von einem gleichen Empfinden beseelt sein, und so standen die beiden Menschen, sahen sich lange und tief in die Augen, drückten sich die Hände, aber über die Lippen kam kein Wort, – jeder wußte, daß er das Bild des andern im Herzen mit sich fortnehme.

Durch die Winternacht fuhren die einen nach Mannheim zurück, der andere, Einsame, hinein in die fremde Welt. Er hatte eine Reise von etwa sechzig Stunden vor sich, in bitterer Kälte, ohne besonders warme Kleidung, und verfügte nur über geringe Mittel; aber der starke Geist war ungebeugt und ließ sich nicht niederdrücken durch leibliche Mühsale.

Glücklich, wenn auch tüchtig durchfroren, langte er in Meiningen an und suchte zunächst den herzoglichen Bibliothekar Reinwald auf, an welchen Frau von Wolzogen ihn empfohlen hatte. Er fand einen trefflichen, herzlichen Menschen, der ihn aufnahm wie einen lieben, alten Bekannten, und Schiller ward es wohl zumute bei dem Gedanken, daß ihm hier ein gütiges Geschick vielleicht einen Ersatz für seinen Streicher geschickt habe. In gehobener Stimmung, mit freudiger Zuversicht brach er am Spätnachmittage aus Meiningen auf, um seine Reise nach Bauerbach fortzusetzen. Die Dunkelheit war hereingebrochen, als er daselbst ankam und aus den zerstreuten Hütten die Lichter schimmern sah, die ihre Grüße ihm entgegenwinkten, und nicht lange währte es, so hielt er vor dem schlichten Hause, das Frau von Wolzogen gehörte.

Der Gutsverwalter Vogt empfing ihn freundlich; in der wohldurchgewärmten Stube erwartete ihn ein ländlich kräftiges Mahl, und mit unendlichem Behagen sah er sich in dem Raume um, der jetzt seine Wohnung sein sollte. Der Tisch mit seinem gedrehten Fuß, der alte Lehnstuhl am Fenster, die Bilder von Fürstlichkeiten in geschwärzten Rahmen an der Wand, die kleinen Fenster, die niedrige Decke, der mächtige Kachelofen – alles heimelte ihn an, und er schlief den Schlaf des Gerechten in der ersten Nacht.

Beim Morgensonnenschimmer aber trat er an sein Fenster und sah hinaus. Er sah in den tiefverschneiten Obstgarten, auf die schneebedeckten Hütten des Dorfes, auf die ferner sich hinziehenden weißblinkenden Höhen, von denen dunkel sich die Ruinen eines verfallenen Bergschlosses abhoben, und es war ihm, als sei er in einer fremden, verzauberten Welt. Alles war tiefstille, nur Krähen kreischten um den baufälligen Kirchturm; jetzt aber begann ein Glöcklein durch die Morgenfrühe zu läuten. Das ging mit reinen, klaren Schlägen durch das Tal, über dem sich ein tiefblauer Himmel wölbte, und den einsamen Dichter überkam eine wundersame Rührung. Fern der Welt, herausgehoben über die Welt stand er da, frei von allen Fesseln, erfüllt von der Kraft des Genius, und er segnete das Asyl, das er gefunden, und segnete die edle Frau, die es ihm geboten, und seine Seele hob sich mit den schwingenden Tönen des Dorfglöckleins empor und fühlte aufs neue den Hauch kommender Unsterblichkeit.