»Ja«, erwiderte kurz der Regisseur und überreichte dem Dichter ein Päckchen. Schiller öffnete, er hielt die Handschrift seines »Fiesko« in der Rechten und hätte nicht erst nötig gehabt, den beigefügten Brief zu lesen, in welchem der Intendant bedauerte, das Stück auch in seiner neuen Fassung nicht zur Aufführung annehmen zu können. Ein unsägliches Gefühl der Bitterkeit erfaßte den Dichter: Zwei Monate hatte er gearbeitet, seine kargen Mittel hatte er aufgebraucht, und nun erfuhr er nicht einmal, weshalb sein Werk abgelehnt wurde; er mochte es wohl ahnen, daß es nicht so sehr dieses selbst war, als der Umstand, daß der Intendant es nicht mit dem württembergischen Hofe verderben mochte, was dies Ergebnis herbeigeführt hatte.

Einige Augenblicke stand er bleich und fassungslos; als aber Meyer ihm tröstlich und freundlich zuzusprechen begann – denn ihn jammerte des trefflichen und begabten Mannes –, da richtete er sich auf und sagte mit ruhigem, würdevollem Ernst: »Nun, dann beklage ich nur das eine, daß ich nicht schon von Frankfurt aus nach Meiningen gereist bin.«

Seines Bleibens konnte nun nicht länger sein; nur eines quälte ihn: Er wußte nicht, woher er die Mittel zur Weiterreise, ja zur völligen Bezahlung seines Wirtes und zur Beschaffung von dringend nötigen Winterkleidern nehmen sollte. Von Meyer oder anderen Stuttgarter Freunden zu borgen, dazu war er zu stolz. Da dachte er an den Buchhändler Schwan und beschloß, diesem den »Fiesko« zum Verlage anzubieten.

Der Hofkammerrat empfing ihn in seinem schön ausgestatteten und behaglich durchwärmten Arbeitsgemach mit einer gewissen herablassenden Freundlichkeit. Er hörte den Antrag des Dichters ruhig an, dann kniff er, wie klug und überlegend, die Augen zusammen, strich einigemal nachsinnend über die Stirn und sprach: »Ihre Dichtung ist jedenfalls vortrefflich, lieber Freund; wenigstens hat Iffland das versichert, und Iffland hat ein Urteil trotz dem Herrn von Dalberg. Ich nehme Ihr Anerbieten gern an, aber muß bemerken, daß ich nicht mehr als einen Louisdor für den Druckbogen zahlen kann.«

Als Schiller unmutig die Brauen zusammenzog, fuhr er fort: »Ja, ich tue damit noch ein Übriges; denn sehen Sie, sobald Ihr Werk heraus ist, kommt der Nachdruck; ein Dutzend Buchhändler zieht seine Vorteile aus Ihrem Werke, und mir bleibt nichts, als was ich etwa aus dem ersten Verkauf ziehe. Sie sehen, ich kann nicht anders.«

Schiller willigte ein; er erhielt von Schwan einen entsprechenden Vorschuß, zahlte damit seinem unangenehmen Wirt, beschaffte sich, was er für den Winter nötig hatte, und nun war er so weit, daß er den Staub von Mannheim von den Füßen schütteln konnte.

Frau von Wolzogen hatte ihre Einladung in der freundlichsten Weise wiederholt, und so gedachte er am letzten November sich auf den Weg nach Meiningen, beziehentlich nach Bauerbach, zu machen. Da er sich nicht in Mannheim zeigen konnte und mochte, wollte er in Worms den Postwagen besteigen.

Eben als er in seinem unfreundlichen Gemache in Oggersheim damit beschäftigt war, sein geringes Hab und Gut in einen Mantelsack zu packen, kamen Meyer, Streicher und einige Mannheimer Freunde, um ihm das Geleite zu geben. Schiller ließ eine Flasche Wein bringen, und noch einmal saßen sie zusammen um den Tisch und suchten Schiller Mut einzusprechen für die Zukunft. Er sah ernst und ruhig drein und sprach: »Seid unbesorgt! Eine vernichtete Hoffnung ist noch kein vernichtetes Leben, und in meiner Seele lebt die feste Zuversicht auf meine Kraft und damit auch auf eine bessere Zukunft. Was kann mir mehr geschehen? Ich habe keine Heimat, ich habe keinen Besitz, mein »Fiesko« ist als unbrauchbar erklärt, und doch, ihr Freunde, ich spreche mit Karl Moor: Die Qual erlahme an meinem Stolz. Als Dr. Ritter gehe ich von euch – und unter diesem Namen denke ich in Bauerbach mich zu verbergen und zu vergraben, um als Friedrich Schiller wieder aufzuerstehen!«

»Auf deine Zukunft!« rief begeistert Streicher, und die Gläser klangen zusammen; Schiller aber warf nach dem letzten Trunk das seine gegen die Wand, daß es in kleine Splitter zerschellte, und sagte: »Scherben bedeuten Glück! Wohlan, – mit diesem Glase zerbreche ich meine Vergangenheit, nun hebt ein neues Leben an. – Auf, nach Bauerbach!«