Am Nachmittage ging er bleich und verstört nach der Neustadt hinüber; er mußte seine Seele erleichtern vor einem gewissenhaften und strengen Beichtiger, er mußte aus einem Munde, der ihm wert war, erfahren, ob er sich schuldig fühlen müsse, und wie er in diesem Falle zu büßen habe. Auf dem weiten, freundlichen Karlsplatze befindet sich das Kollegium der Väter der Gesellschaft Jesu bei der Kirche des hl. Ignazius von Loyola. Dort zog er die Glocke und fragte nach einem der Priester. Er traf ihn daheim und bat, ihm sein Herz ausschütten zu dürfen.
Der Jesuit, ein mittelgroßer, hagerer Mann, mit schlichtem grauen Haar, und grauen Augen, die scharf und klar dem Adjunkten in die Seele hinabzuschauen schienen, empfing ihn in seinem einfachen Gemache mit ruhiger Freundlichkeit, und Frohwalt beichtete von dem alten Pfarrer, und was er seit gestern mit demselben erlebt. Als er geendet, sagte der Jünger Loyolas mit ruhiger Stimme:
»Sie haben sich keine Anklage zu machen, mein Bruder. Sie haben Gutes gewollt, und das sieht der Herr allein an; jener Unselige aber war aus der Gnade gefallen, und das Gericht des Herrn ist über ihn gekommen; der Allerhöchste hat Sie nur zu seinem Werkzeuge gewählt.«
So sprach er noch eine Weile, wies auf Stellen aus den Kirchenvätern hin, und that dies alles so kühl und bestimmt, so überlegen und überzeugend, daß Frohwalt fühlte, wie er ruhiger ward.
Aber die Wirkung war nicht nachhaltig. Es war eine seltsame Fügung, daß er, daheim angekommen, ein lateinisches Buch aufschlug und gerade dort eine Stelle fand, wo der Jesuitenpater Laymann sagt: »Ein Doktor, welcher befragt wird, kann einen Rat geben, nicht allein, der seiner Meinung nach wahrscheinlich, sondern der auch seiner Meinung entgegen ist, wenn er von andern für wahrscheinlich gehalten wird und wenn diese Meinung, welche der seinigen entgegen ist, demjenigen, welcher ihn um Rat frägt, günstiger und angenehmer wäre. Ja, ich sage mehr, daß es nicht unrecht sein würde, ihm einen solchen Rat zu erteilen, wenn er auch selbst versichert wäre, daß er allerdings falsch ist.«
Was war nach solchen Grundsätzen von den Trostworten des Jesuitenpaters zu halten? – Hier mußte das eigene Gewissen zuletzt der beste Ratgeber sein, und das sprach Frohwalt nicht frei von einer gewissen Lieblosigkeit und Härte, und das Bild des alten Pfarrers trat immer wieder wie ein stummer Ankläger vor seine Seele.
Er hatte eine fürchterliche, qualvolle Nacht, in welcher der Schlaf ihn floh, in welcher er an Vetter Martin dachte, der es verstanden hatte, auch dem alten, verkommenen Priester freundliche Seiten abzugewinnen, und dem er nicht wagen würde, mitzuteilen, wie er zu dem Pfarrer gesprochen hatte. Und gerade der letztere Umstand ließ ihn fühlen, daß er ein Unrecht begangen hatte, das er nicht einmal mehr gut machen konnte. Aber eine Lehre wollte er wenigstens aus dem fürchterlichen Vorgange ziehen. Er wollte in ähnlichen Fällen mehr dem Menschen, als dem katholischen Priester gehorchen.
Als er nach wenigem Schlafe unerquickt am andern Morgen erwachte, war sein erster Gang nach der böhmischen Sparkasse, wo er ein kleines Sümmchen – Erträgnisse seiner litterarischen Thätigkeit – niedergelegt hatte. Er ließ sich dreihundert Gulden auszahlen. Die packte er daheim in einen Umschlag, schrieb dazu einige Zeilen, und schickte sie an seine Mutter. Sie sollte das Geld Freidank übergeben unter welchem Vorwande immer, nur ihn sollte sie nicht nennen.
Als er den Brief bei der Post aufgegeben hatte, und heimging, überkam ihn seit Stunden wieder einmal ein Gefühl innerer Ruhe; er hatte die Empfindung, wenigstens nach einer Seite hin eine Lieblosigkeit wieder gut gemacht zu haben, und ihm ging das schöne Gedicht Ferdinand Freiligraths durch den Sinn:
O lieb', so lang Du lieben kannst,
O lieb', so lang Du lieben magst,
Die Stunde kommt, die Stunde kommt,
Wo Du an Gräbern stehst und klagst.