Als auch das geschehen war, lief ein Beben wie ein Schauer durch seinen ganzen Leib, er hatte das Gefühl heftigen Frostes, und seine Zähne schlugen gegen einander. Er begann wieder auf und ab zu rennen, bis die Dämmerung sich durch den kleinen Raum auszubreiten anfing. Vor seinem Spiegel blieb er einen Augenblick stehen; es war ein bescheidenes, trübes Glas, wie er es benutzte beim Rasieren und stand auf zwei halbmorschen Holzfüßen über einem Kästchen, in welchem er Streichriemen und Rasiermesser hatte. Aus dem Spiegel sah ihm ein fahles, verzerrtes Gesicht entgegen, wie das eines Wahnsinnigen, Verzweifelnden.

»Ein verlorenes Leben!«

Er lachte gellend einmal auf, erschrak vor dem Laute und wankte von dem Bilde fort, das sich ihm geboten. Bei einem Stuhle am Fenster kniete er nieder, schlug die eiskalten Hände gegen das heiße Gesicht und wollte beten, aber er konnte nicht, der Engel des Herrn hatte ihn verlassen …

Als am andern Morgen ihm die Wirtin den Kaffee bringen wollte zur gewohnten Zeit, und bei ihm eintrat, schrie sie laut auf und ließ das Geschirr klirrend zur Erde fallen. In einer Blutlache neben dem zerbrochenen Bierkruge lag der alte Mann mit dem blassen, fahlen Gesichte, entsetzlich anzuschauen, und ein beschmutztes Rasiermesser neben ihm; auf dem Tische aber fand man die beiden Briefe – er hatte sich die Kehle durchgeschnitten.

Als Frohwalt mit dem an ihn gerichteten Schreiben zugleich die furchtbare Kunde erhielt, wich alles Blut aus seinem Antlitz, ein Schwindel erfaßte ihn und er fürchtete ohnmächtig zu werden. Mit zitternden Fingern riß er dann den Umschlag des Briefes ab und las mit beengter Brust:

Hochwürdiger Herr Doktor!

Sie haben Recht – es ist ein verlorenes Leben, und was verloren ist, ist vorbei, da hilft keine Flickarbeit mehr. Ich bin körperlich so elend, daß ich keine Widerstandskraft mehr habe gegen meine Schwächen und kein anderes Mittel mehr weiß, um nicht zu sündigen, als zu sterben. Den Zinnkrug habe ich vorher vernichtet. Verwerfen Sie mich nicht ganz und beten Sie ein Vaterunser für mich. Ich befehle mich der Gnade Gottes, auch wenn mein Leben ein verlorenes war – er ist ja der Allgütige.

P. Schaffran.

Der Brief entsank den Händen des Adjunkten; er selbst aber lehnte wie gebrochen in seinem Sitze. Sein innerstes Wesen war gut, und weil er nicht ein zorniger Eiferer von Herzen war, sondern nur seinem Berufe eine gewisse Strenge schuldig zu sein glaubte, so brach ihn dies Ereignis zusammen. Er dachte mit Entsetzen daran, daß es sein Wort vom »verlorenen Leben« war, das den Unseligen zu der fürchterlichen That getrieben hatte, und ihn faßte ein Grauen vor sich selbst. Wer hatte ihn denn zum harten Richter bestellt über den alten, schwachen Mann, dem Liebe und Güte not that, nicht aber strenges, kaltes Eifern? – Auf seiner Seele lag es wie ein Mord, den er begangen hatte, und er suchte vergebens Ruhe im Gebete, Zerstreuung in der Arbeit. Er fand weder Sammlung noch Frieden.