»Im Dienste des Herrn giebt es solche Rücksichten nicht; er verlangt eine volle Hingabe, einen strengen Dienst. Ich begreife, daß es Sie bedrückt, wenn Sie auf Ihr Leben und Wirken zurückschauen, aber nehmen Sie mir's nicht übel, wenn ich es aufrichtig und in brüderlicher Teilnahme beklage, daß Sie die Mahnungen des Herrn auch jetzt noch nicht verstehen. Warum werfen Sie nicht diesen abscheulichen Zinnkrug, in welchem für Sie der böse Versucher sitzt, fort, warum fröhnen Sie noch immer der Schwäche des Trunkes? Sie haben ein verlorenes Leben hinter sich, aber Gebet und Enthaltsamkeit könnten Ihnen immer noch einen gewissen Seelenfrieden erwecken; soll denn auch der Abend Ihrer Tage ein verlorener sein?«
Der junge Priester hatte die Absicht, warm und herzlich zu sprechen, aber er sprach hart Und streng. Der alte Pfarrer saß da, die weitgeöffneten Augen ihm zugewendet, aus seinem Antlitz war die Röte gewichen, und mit bläulichen Lippen stammelte er:
»Sie haben recht – Sie haben recht – ein verlorenes Leben!«
Frohwalt erschrak vor seinem Anblick und vor diesem Worte, und er sagte wesentlich milder:
»Noch ist es nicht ganz zu spät! Raffen Sie sich auf, Sie haben ja mehr Gnadenmittel als viele andere. Sie sind selbst berufen, zu binden und zu lösen, an Gottes Statt den Sündern ihre Schuld zu vergeben und können täglich zum Tisch des Herrn treten und den lebendigen, persönlichen Gott in Ihren priesterlichen Händen halten; sollte ein solches Bewußtsein Ihnen nicht die Schlacken abthun helfen, die an Ihnen haften? Zum Gutwerden ist es für keinen zu spät. Weisen Sie dem Burschen, der Sie aussaugt, die Thüre; wenn Sie ihm Erziehung und Lehre haben angedeihen lassen, wie ein Vater seinem Sohne, so haben Sie alles gethan, was er verlangen darf; was er Ihnen an Schimpf und Schande anthut, das nehmen Sie hin als eine Buße. Und dann werfen Sie dies dickbäuchige zinnerne Ungeheuer fort, das ich schon in Nedamitz hassen gelernt habe!«
Der alte Mann saß jetzt ganz zusammengesunken auf seinem Sitze, nickte gleich einer Holzpuppe mit dem Kopfe und wiederholte auch jetzt nur tonlos:
»Ein verlorenes Leben – ein verlorenes Leben!«
Frohwalt schied endlich von ihm in tiefer Verstimmung, und da er über die Brücke zurückging, hingen die Wetterwolken bereits schwer wieder herein über die Kleinseite, und der Wind wirbelte den Staub hinter ihm drein. Er wäre aber noch erregter gewesen, wenn er den Mann hätte sehen können, den er soeben verlassen hatte.
Der alte Priester hatte sich erhoben; mit schlotternden Knieen wankte er durch die Stube, rang die Hände und sagte nur immer wieder: »Ein verlorenes Leben!« Mit einmal blieb er vor dem Tische stehen, erfaßte den Krug, welcher dort stand, mit beiden Händen, umklammerte ihn fest und schleuderte ihn mit wütender Geberde zu Boden; dann trat er mit den Füßen darauf herum, daß das Zinn sich verbog zu einer schier unförmlichen Masse, die von dem Reste des Bieres benetzt war. Nun eilte er gegen das Fenster, sah hinaus nach dem Stückchen bleigrauen Himmels, welches er erblicken konnte, und preßte den Kopf gegen die Scheibe, bis ein grell aufzuckender Blitz ihn zurückschreckte. Und während das Wetter niederging, und der Donner immer aufs neue gewaltig rollte, rannte er unstät in dem kleinen, schwülen Raume hin und her.
Das trieb er bis an den Abend, dann suchte er Papier und Schreibzeug, setzte sich an den Tisch und begann zu schreiben. Es waren zwei Briefe, die er noch einmal durchlas, ehe er sie in Umschläge packte und versiegelte. Dann setzte er mit heftig zitternder Hand die Adressen darauf, eine an seinen Sohn, die andere an den Doktor der Theologie Peter Frohwalt.