»Wie konnten Sie aber sich so weit vergessen mit jenem Weibe!«
Der Pfarrer sah mit dem Ausdrücke fragender Hilflosigkeit ihn an, dann lachte er bitter auf:
»So mögen Sie wohl reden, Sie sind nicht in meiner Lage gewesen. Soll ich Ihnen die Geschichte eines verfehlten Lebens erzählen? Sie ist erstaunlich einfach. Ich bin armer Leute Kind, habe unter Entbehrungen das Gymnasium besuchst und ging dann ins Seminar, weil ich sonst nicht wußte, wohin und weil meine Eltern mich hineindrängten. Damals fing mein Unglück an. Von der Stunde an, da ich ins Klementinum kam, hab' ich gefühlt, daß ich nicht zum Priester tauge, aber ich habe redlich mit mir gekämpft und gerungen und gemeint, es müsse zuletzt doch gehen und ich müßte mit der Weltlust fertig werden können. Als ich ausgeweiht war, kam ich in eine kleine Stadt. Da herrschte ein lebenslustiger Geist, und mein Pfarrer war selbst ein froher Lebemann. Der nahm mich mit an den Stammtisch, wo ich mich gewöhnte, mit ihm und andern in die Nacht hinein zu trinken – meine Zeche wurde gewöhnlich bezahlt – er führte mich in Familien ein, wo es fröhlich und ausgelassen herging, und wo wir an Pfänderspielen mit Küssen und anderem uns beteiligten … und wenn ich dann in meine einsame Stube kam, wollte es mir garnicht gefallen, und der Geist der Unzufriedenheit wurde mächtiger als je zuvor. Ich hatte das Bedürfnis nach Liebe, nach Familienleben und Familienglück, und wenn ich in dem Entsagenmüssen mich recht trostlos und elend fühlte, ging ich ins Wirtshaus und trank mich in ein Vergessen und in eine falsche Lust hinein. Wenn ich einen einzigen Menschen gehabt hätte, der sich meiner angenommen, der mich über meine Schwäche weggetragen hätte! Dann kam ich nach Nedamitz, erst als Kaplan, zu einem kranken, unwirschen Pfarrer, mit dem überhaupt nicht auszukommen war, und der sich selber unglücklich fühlte in seinem Berufe, und dann war ich Administrator in einem Dorfe in der Egerer Gegend. Das war meine beste Zeit, da habe ich Botanik getrieben mit dem alten Lehrer und habe mich vom Wirtshause möglichst fern gehalten und hatte die allerbesten Vorsätze, bis seine Nichte, die Barbara, zu ihm kam auf einige Wochen. Da bin ich zuerst unruhig geworden, wenn ich sie sah, dann hatte ich wieder das Gefühl, daß ich unglücklich sei in meiner Vereinsamung und in meiner Ehelosigkeit, und ich mußte wieder trinken, um mich zu betäuben. Aber ich wollte den Teufel austreiben mit Beelzebub. Je mehr ich trank, desto begehrlicher wurden die Sinne – und damals kam ich als Pfarrer nach Nedamitz. Zu allem Unglück starb mein Freund, der alte Lehrer, seine Nichte stand allein in der Welt, und so nahm ich sie, unter dem Vorwand, sie sei eine Verwandte von mir, trotzdem sie das kanonische Alter nicht hatte, zu mir als Wirtschafterin. Nun war Feuer und Zunder beisammen, nun kam's, wie's kommen mußte und das Unglück war fertig. Oft überfiel mich die Reue, aber ich hatte nicht die Kraft, das Wesen, das eigentlich mein Weib geworden, aus dem Hause zu jagen, und so suchte ich über die Seelenpein immer wieder mit dem Trinken wegzukommen. So ist eins mit dem andern geworden … und heute muß ich schwer büßen.«
Peter Frohwalt saß da mit gerunzelten Brauen; er war gekommen, dem Pfarrer etwas Gutes zu sagen und zu thun, aber er vermochte es nicht. Er sah den Zinnkrug auf dem Tische, er roch den Atem des Mannes, der sich eben erst durch die Begegnung mit seinem Sohne einigermaßen ernüchtert zu haben schien, und der Zorn über den Schwächling, den unwürdigen Priester, gewann in ihm die Oberhand. Er sprach:
»Sie können nicht verhehlen, daß Sie Ihren Schwächen zu sehr nachgegeben haben; ohne Selbstzucht geht es nicht, und zu solcher ist es auch jetzt nicht zu spät. Der erste Fehler war, daß Sie sich eingedrängt haben in den Dienst des Herrn, ohne den Beruf dazu zu haben – –«
»In der Jugend hat man nicht die Stärke, um gegen schwere Verhältnisse und äußeren Zwang sich aufzulehnen,« bemerkte der Pfarrer schüchtern.
»Dann gaben Ihnen die vier Jahre Ihres Aufenthalts im Seminar Anlaß zur Selbstprüfung, und wenn Sie Ihre Schwäche nicht bezwingen konnten, zum Austritt.«
»Aber Sie hörten ja, wie ich als Alumnus den besten Willen hatte und mit mir fertig zu werden suchte.«
»Doch Sie erlagen den kleinsten Versuchungen. Mußten Sie denn mit Ihrem ersten Pfarrer durch Dick und Dünn gehen? Konnten Sie, wenn Sie sich zu schwach fühlten, nicht Ihre Versetzung nachsuchen?«
»Sollte ich den sonst gutmütigen Mann anklagen?«