Es liegt ein seltsamer Zauber um die sieben Hügel, der das Herz ergreift, und die Seele erhebt. Stadt der Cäsaren, die den Vollglanz einer alten, bis in die fernsten Zeiten nachwirkenden Kultur schaute, um deren gewaltige Trümmerreste und Gräbermale der Hauch einer großen Geschichte wittert – Stadt, in der die Kunst des Mittelalters ihre wunderbaren Tempel und Paläste baute, in der die größten Genien unvergänglich schufen, so daß das schönheitsdürstende Gemüt andachtsvoll zu ihren Schöpfungen wallt, und junge Künstlergeschlechter sich Begeisterung trinken an dem ewig frischen Brunnen – Stadt, in welcher der glaubensstarke Katholik den Mittelpunkt religiösen Lebens sieht, wo der Statthalter Gottes auf Erden thront in seiner Majestät und Würde, und von welcher Segen Und Fluch ausgegangen ist Jahrhunderte hindurch über Völker und Könige – ewige Stadt, dir giebt es keine vergleichbar!
Wer auf dich niederschaut von der Höhe des Monte Pincio, dem prägt sich dein Bild unverwischbar in die Seele, und er braucht nicht aus der Fontana Trevi getrunken zu haben, um die ewige Sehnsucht nach dir im Herzen zu tragen. Wer aus dem Grün der Laubengänge des alten »collis hortorum« auf die Terrasse hinaustritt an einem schönen Abend, wenn es belebt wird in den Schattengängen, und wenn leise verhallend die Musik der Militärkapelle von der Passeggiata herklingt, der hat die Stadt in ihrem ganzen Reize und bei voller Stimmung unter sich. Ueber die Piazza del Popolo hinweg schweift der Blick hinüber auf das andere Ufer des Flusses, dessen Gewässer hier nicht sichtbar wird, nach dem herrlichen Juwel der Papststadt, der gewaltigen Kuppel von St. Peter, die machtvoll hinausragt über die von Grün umwobenen Paläste und Bauwerke des Vatikans, während mehr zur Linken das massive Bauwerk der alten Moles Hadriani, der Engelsburg, sich erhebt, deren ehernes Engelsbild vom letzten Sonnenschein übergossen wird. Und das trunkene Auge schweift weiter bis an die blauende Hügelkette, welche den Horizont begrenzt und deren Cypressen- und Pinienwäldchen sich deutlich von letzterem abheben.
Und wenn Du hineinschaust in die Stadt am linken Ufer des Flusses, da will der Anblick Dich fast verwirren und betäuben. Es ist eine erdrückende Fülle von Häusern, dazwischen ragende Paläste und zahllose Türme und Kuppeln, wie heiliger Sinn und weltliche Kunst sie neben einander gebaut haben. Und Gegenwart und Vergangenheit so nahe an einander gerückt! Ueber Kirchen und Gassen, über die Bauwerke und Gärten des königlichen Quirinals schweift das Auge suchend weiter gegen Süden, wo auf dem alten Capitol hinter dem Kloster Aracoeli sich die Trümmerreste der Cäsarenzeit erheben und vor dem Palazzo Caffarelli die Säule Marc Aurels auf der Piazza Colonna sichtbar wird.
Die Sonne war gesunken und vom Pincio herab nach der Piazza del Popolo schritt langsam ein behäbiger Herr in der Mitte der fünfziger Jahre. Er trug einen langen, dunklen Rock, auf dem Haupte einen breitrandigen Hut, wie ein Abbate, und an den kräftigen Beinen violettseidene Strümpfe. Die Füße staken in Schuhen, deren Silberschnallen hell blinkten. Es war ein kirchlicher Würdenträger, das sah man an der ganzen Erscheinung. Das glattrasierte Gesicht, das infolge des kurzgeschorenen Haares noch voller erschien, hatte ein gutmütiges Gepräge, und die kleinen dunklen Augen, welche unter den dicken Lidern lagen, schauten recht verständig in die Welt.
Der Mann kannte das Bild der ewigen Stadt vom Monte Pincio aus genugsam, war er ja ein Kind Roms, und doch ging er immer wieder hinauf in die herrlichen Gärten der Villa Medici und konnte nicht scheiden, ohne von der Terrasse noch einmal herabgeschaut zu haben auf seine geliebte Stadt. Der Abend war ungewöhnlich warm und der geistliche Herr nahm den breitrandigen Hut ab und wischte sich mit einem seidenen Taschentuche im Weiterschreiten die Stirne. Er schritt langsam vorüber an dem Obelisk, den Kaiser Augustus einst aus Heliopolis gebracht und Papst Sixtus V. hier aufgestellt hatte und bog dann in die schnurgerade lange Via di Ripetta ein. Bei San Agostino wandte er sich nach rechts in das Gewirr kleiner Gassen und Gäßchen, die jetzt minder belebt waren und schlug augenscheinlich die Richtung nach der Via del Governo ein.
Die Leute, welchen er begegnete, grüßten ihn vielfach sehr ehrfürchtig, und ein ehrsamer Handwerker, der neben einem Fremden vor seiner Hausthür stand, sagte zu diesem, als der Priester mit den violetten Strümpfen vorüber gegangen:
»Das ist der Monsignore Parelli, der das prächtige Haus in der Via del Governo hat; ein braver und reicher Herr, der auch bei mir arbeiten läßt. Er ist auch immer mit mir zufrieden gewesen, und ich hoffe, Signore, daß Sie es auch sein werden. Ja, er ist Bischof.«
»Bischof?« fragte der andere – – »wohl in partibus?«
»Was ist das?« fragte der Handwerker.
»Nun, ich meine, er hat keine eigentliche Diözese zu verwalten, sondern führt den Titel von einem Gebiete, das zur Zeit noch in den Händen von Ungläubigen ist, deshalb in partibus infidelium.«