»Da mögen Sie recht haben – ich habe seine Unterschrift gesehen, da stand Bischof i. p. von Mikrun. Mikrun ist meines Wissens nicht in Italien.«
»Das liegt vielleicht in Asien oder Afrika. – Nun, Gott befohlen, Meister!«
»Felice notte Signore!«
Der Fremde ging und sah den Bischof noch eine kleine Weile unfern vor sich hinwandern, dann entschwand er ihm um eine Ecke. Der Bischof war in eine schmale Via eingebogen und ging immer langsamen Schrittes weiter. Die Dämmerung war langsam in die Gassen gesunken, da bemerkte er in einem Winkel, der von einem Hausvorsprung gebildet wurde, eine zusammengekauerte Gestalt und hörte ein Schluchzen.
Er trat näher und sah einen etwa dreizehn- bis vierzehnjährigen Jungen. Die nackten braunen Beine hatte er an den Leib gezogen, seine Kleidung bestand aus verschlissenen Kniehosen und einer schäbigen Sammtjacke, auf dem Kopfe trug er weit zurück geschoben einen zerknitterten alten Filzhut, unter welchem dunkle Locken hervorquollen; die gebräunten Hände aber lagen über dem Gesicht.
»Was fehlt dir, mein Junge?« fragte der Prälat, indem er teilnahmsvoll näher trat, und der Bursche ließ die Hände sinken und blickte auf. Er hatte ein prächtiges Gesicht mit dunklen, großen Augen, die er nun ehrlich und befangen auf den vornehmen Priester heftete. Dann sprang er auf und sagte:
»Ich habe heute noch nichts gegessen – ach, Monsignore, haben Sie keine Arbeit für mich?«
Den Bischof ergriff Mitleid mit dem Burschen, dessen Worte so ungeschminkt klangen, und der nun, ohne Unterwürfigkeit zu zeigen, oder wie es sonst vielleicht geschehen wäre, ohne nach seiner Hand zu fassen, um sie zu küssen, vor ihm stand; er sagte darum:
»Komm mit mir, ich will Dir zu essen und zu arbeiten geben!«
Da leuchteten die dunklen Augen des Burschen auf, er stammelte einige abgerissene Dankesworte und ging nun neben dem Prälaten her, der ihn nach seinen Familienverhältnissen befragte. Der Knabe antwortete bescheiden, aber mit ruhiger Sicherheit. Er hieß Sisto Brenta und war der Sohn armer Leute in der Campagna. Sein Vater war schon lange tot, die Mutter vor zwei Tagen begraben worden. Verwandte, die ihn aufnähmen, hatte er nicht, und so war er in die große Stadt gegangen. Er bettelte nicht um Brot, sondern um irgend eine Arbeit, aber den ganzen Tag hatte er sich in den Gassen herumgetrieben, war von Haus zu Haus gegangen, aber er fand nicht, was er suchte. Nun war er hungernd und verzweifelnd in einem Winkel zusammengesunken, wo er auch hatte übernachten wollen. Den heiligen Sixtus, seinen Patron, hatte er noch angerufen, dann aber war der Jammer über ihn gekommen, und so hatte ihn Parelli gefunden.