»Sie sind ja so herzensgut, Fräulein Marie – vergelt's Ihnen Gott! Ja, getragen werden muß es freilich, wenn ich auch nicht recht weiß, wie. Ach, meine gute, liebe Grethe!«

Marie ging hin und her in den beiden Zimmern und ordnete da und dort ein wenig. Am Fenster blühte ein Rosenstock über und über. Sie brach eine der schönsten Blumen und legte sie still auf die Brust der Toten, dann sprach sie:

»Ich komme morgen früh wieder, um nach dem Kinde zu sehen.«

»Die Nachbarin Becker ist auch schon dagewesen; sie will Grethel einstweilen zu sich hinübernehmen!« antwortete der Mann; dann reichte er dem Mädchen, das sich zum Gehen wandte, warm die Hand und sagte noch einmal: »Vergelt's Gott!« Marie aber vermochte nicht zu sprechen; sie eilte mit ausbrechenden Thränen hinaus.

Die Gasse herein aber kam soeben mit glücklich leuchtendem Gesicht ihr Bruder. Sie sah ihn kommen, aber sie wartete nicht auf ihn. Seine Seligkeit und ihr Jammer paßten doch nicht recht zusammen, und nach den Worten, welche heute auf der Pfarrei gefallen waren, hatte sie eine unbestimmte Furcht, mit ihm über die Tote zu sprechen.

Als sie heimkam, läutete eben die Vesperglocke, und die Mutter saß noch in ihrem verschossenen Seidenkleide am Fenster und betete.