»Mein lieber Peter!

Ich habe allezeit etwas auf Ehrlichkeit und Geradheit gehalten, darum kann ich Dir auch nicht verhehlen, daß Du diese Epistel in erster Reihe dem Umstande verdankst, daß ich Langeweile habe. Draußen schneit es, wovon Ihr in Rom keine Ahnung habt, aber das könnte mich nicht abhalten, mich irgendwo in einer zur Zeit lieblicheren Gegend unseres Planeten herumzutreiben, wenn mir nicht wieder einmal meine linke Hinterpfote den Dienst versagte. So habe ich mir denn das Vergnügen gemacht, mein ganzes Museum einmal zu ordnen und zu katalogisieren und finde nun zu meiner eigenen Verwunderung, daß es nicht weniger als achthundertzweiundvierzig Nummern umfaßt, darunter manches Hübsche. Ich hoffe, daß mir's der Himmel vergönnt, die tausend voll zu machen. Seit drei Tagen bin ich mit der Arbeit fertig, habe die erste Freude an der Sache ohne weiteren Schaden an meiner Gesundheit verwunden, bin aber auch lahm gelegt in des Wortes vollster Bedeutung. Darum ergreife ich die Feder, wie mein Alter – Gott hab' ihn selig – immer seine Briefe an mich anfing, um ein wenig mit Dir zu plaudern. Es thut Dir vielleicht auch gut, wenn Du einmal, anstatt mit den Vätern des allgemeinen Konzils, mit dem alten Vetter Martin eine Viertelstunde umgehst, der zwar weder selbst unfehlbar ist, noch einen andern, und wenn's der Papst wäre, dafür halten kann, der aber darum hoffentlich noch nicht als Ketzer von Dir angesehen wird, sintemal Ihr den neuen Glaubenssatz noch nicht fertig gekriegt habt. Es wäre überhaupt – in Klammern gesprochen – besser, wenn das Ei, welches die Jesuiten gelegt haben, vom Konzil nicht ausgebrütet würde. Das ist aber so meine Privatmeinung, die Dir und dem Kardinal Schwarzenberg sehr gleichgültig sein wird, weshalb Du sie auch diesem gar nicht zu sagen brauchst.

Aber reden wir lieber von angenehmeren Sachen! Deine Mutter ist wohlauf und freut sich über jeden Brief aus Rom. Ich glaube, sie hält Dich jetzt in der Siebenhügelstadt für den wichtigsten Mann nach dem Papste und meint, daß das ganze Konzil ohne Dich Essig wäre. Ich gönne ihr diese Freude, um so mehr, als sie mir dafür die andere macht, daß sie Deine Episteln immer mich zuerst lesen läßt, woraus Du ersehen kannst, daß ich in Deinen römischen Verhältnissen mich auskenne, wie in meinem Rucksack und daß ich Dich ohne Cicerone finden werde, wenn ich nach Rom komme. Und das habe ich mir vorgenommen. Ich muß mir so ein Konzil in der Nähe ansehen, denn ich glaube, ich erlebe kein zweites. Das wäre zwar kein Unglück, weder für mich, noch für die Welt, aber da ich meine Einkünfte ebenso gut in der ewigen Stadt, wie hier in dem entlegenen böhmischen Winkel verzehren kann, so …

Aber weiter im Texte. Deine Schwester blüht wie eine Rose in Glück und Gesundheit, und ich habe – unter uns gesagt – den Eindruck, als ob ihr weder die Ehe, noch der Protestantismus geschadet hätte. Und erst ihr kleiner Junge, Dein Neffe, mein Pathchen Martin Peter. Potz Respekt vor dem Bengel. Schade, daß der nicht beim Konzil sein kann; ein Organ hat er wie ein Kirchenvater und dazu mehr Unschuld, als alle zusammengenommen. Da sagst Du nun: »Was dem alten Manne für dumme Witze passieren?« Na ja, aber ich meine nur, weil er ein kleiner Protestant und für den ewigen Höllenpfuhl vorherbestimmt ist, daß das arme Kerlchen weniger Sünden auf dem Gewissen hat, als irgend ein Konzilsvater, dem doch die ewige Seligkeit verbürgt ist, wenn er ein gehorsamer Sohn der Kirche ist, und nicht weiter muckt, wenn es heißt: Roma locuta est – Rom hat gesprochen!

Aber hier komme ich ins Schwatzen und auf ein Thema, das Dich möglicherweise veranlaßt, mit meiner Epistel Deinen Ofen zu heizen, wenn Du einen hast, was in Rom nicht immer der Fall sein soll. Wenn Du keinen hast, betrachte ich das als ein gutes Omen, das mich veranlaßt, wenigstens flüchtig auch Deines Schwagers Freidank zu gedenken, der zu den fleißigsten und bravsten Menschen gehört, die ich jemals kennen gelernt habe … und, Peter, das will viel sagen. Der alte Pfarrer hat nach wie vor seine Uhren bei ihm reparieren lassen. Das ist aber nun vorbei, denn dem alten, braven Herrn ist selber die Lebensuhr stehen geblieben.

Ganz plötzlich. Eines Morgens, vor etwa vierzehn Tagen lag er früh tot im Bette und lächelte. Es war ein großes Begräbnis, und da hat sich erst die Liebe gezeigt, die die Leute zu ihm hatten und da hat sich auch erst herausgestellt, was er unter der Hand Gutes gethan. Ich sage Dir, Peter, aus allen Winkeln kroch die Armut und die Lahmen und Presthaften hervor und humpelten hinter dem Sarge drein und schluchzten, wie wenn sie zu seiner Familie gehörten. Und ich glaube, der Mann war nicht gut angeschrieben beim hochwürdigen Konsistorium, er war – wie man sagte – aus der alten Schule Kaiser Josefs II., aber ich hatte den Eindruck, daß die Schule nicht schlecht war und bin seitdem noch stolzer, daß ich ihr auch angehöre.

Der neue Pfarrer gehört nicht dazu. Der Pater Ignaz ist, soviel wir hören, dazu bestimmt, und ich fürchte sehr, daß es jetzt mit dem lieben Frieden zwischen Katholischen und Evangelischen hier vollends vorbei ist. Mir kann's persönlich gleich sein, wer hier die frommen Schäflein zu weiden hat, aber ich wollte doch, sie hätten den Pater Ignaz lieber irgendwo in Hinterindien oder in einer sonstigen gesegneten Gegend zum Erzbischof, als gerade hier zum Pfarrer gemacht.

Noch eins, was Dich vielleicht interessiert. Du hast ja die Tochter von Professor Holbert gekannt, die hier an Dr. Haller verheiratet ist. Das ist eine Märtyrerin, die Ihr gleich beim jetzigen Konzil bei lebendigem Leibe heilig sprechen könnt! Wie diese zwei Menschen zusammenkommen konnten, das ist mir ein Rätsel der Seelenlehre, das ich mit meiner Alten-Junggesellen-Weisheit nicht klar kriegen kann. Der Mann verdiente bei den Botokuden als Leibarzt irgend einer schwarzen Menschenfresser-Majestät zu existieren und wäre vielleicht für eine solche zu einem Abendbrot noch leidlich genießbar. Hier hat er abgewirtschaftet. Ihm fehlt zum Arzte sehr viel, und zum anständigen Menschen nahezu alles, und ich kann manchmal, wenn ich ihn in einer besonders »geistvollen« (ich meine weingeistvollen) Phase erblicke, der Versuchung kaum widerstehen, zu erproben, ob mein Knotenstock oder sein Schädel mehr Festigkeit haben – 's ist mir aber immer wieder um meinen Stock leid. Das arme junge Weib! Er soll sie sogar mißhandeln, angeblich, weil sie nicht soviel Mitgift brachte, als er vermutete, und Deine Mutter weiß von verweinten Augen zu erzählen, aber sie klagt niemandem und ist immer so sehr freundlich! Herr Gott, wenn mein Hans Stahl davon Witterung erhält!

Ein hübscher Mann dagegen ist der Kapuzinerpater Severin. Er und der Guardian machen einem das Klösterchen lieb, und ich gehe nur zu ihnen in die Kirche, habe auch mit dem Guardian schon botanisiert. Da muß ich wieder an Deinen guten Nedamitzer Alten denken. Ich hätte ihm gerne noch ein paar frohe Tage unter meinem Zeltdache bereitet … es hat nicht sein sollen. Möge er ruhen in Frieden! Ich glaube doch trotz allem, daß ich ihn im Himmel wiederfinde, vorausgesetzt, daß der Herrgott mich alten Sünder selbst einläßt. Na, wissentlich hab' ich niemandem Böses gethan – vielleicht ist das mein Passierschein.