Wochen waren vergangen. Der Unfehlbarkeitsbrei brodelte noch immer unfertig im Topfe des Konzils, und der Papst, welchem seine Umgebung vorgespiegelt haben mochte, daß die Sache glatt und schnell abgewickelt sein würde, wurde ungeduldig. So suchte die Jesuitenpartei nach einem Mittel, die Angelegenheit zu beschleunigen und glaubte ein solches gefunden zu haben in der Aenderung der als zu freisinnig sich erweisenden bisherigen Geschäftsordnung. Man rechnete dabei vor allem auf die für den Glaubenssatz unbedingt zur Verfügung stehenden Stimmen und glaubte auf das hin etwas wagen zu dürfen, was einem Gewaltakte täuschend ähnlich sah.
So wurde durch die neue Geschäftsordnung verfügt, daß sowohl die Versammlung, als auch der Präsident das Recht haben sollte, jede Debatte abzuschneiden und eine Abstimmung herbeizuführen. Wenn man erwägt, daß die Präsidenten und das gesamte Direktorium vom Papste ernannt wurden, und daß überdies die Mehrheit der Versammlung bedingungslos alles anzunehmen bereit war, so erhellt daraus, welchen Wert alle ferneren Beratungen noch haben konnten. Dazu kam die weitere Bestimmung der neuen Geschäftsordnung, daß alle Beschlüsse mit einfacher Stimmenmehrheit gefaßt werden konnten. Der Zufall einer einzigen Stimme sollte Ausschlag gebend sein für einen so ungeheuer wichtigen Beschluß, welcher tief in das Leben der Kirche eingriff.
Ein solches Vorgehen rief unter einem Teil der Konzilsväter eine heftige Bewegung hervor, und wiederum waren es die deutschen und österreichischen Bischöfe, denen sich auch französische und ungarische anschlossen, welche keinen Augenblick die gefährliche Bedeutung der neuen Geschäftsordnung verkannten.
Auch im Hause des Kardinals Schwarzenberg zitterte diese Erregung nach. Professor Meyer, der sonst außerordentlich ruhig blieb, erörterte mit Schärfe und klarer Gewissenhaftigkeit die Sachlage, und Dr. Frohwalt, welchem die ganzen unwürdigen Vorgänge genügend bekannt waren, fühlte sich immer mehr erschüttert in seinen Anschauungen, die er von der ewigen Stadt und ihrem kirchlichen Leben gehabt hatte. Mehr als einmal dachte er des Gesprächs mit Professor Holbert, und mit eigenen Augen sah er nun, welche gefährliche Macht der Jesuitismus in den Händen hatte, eine Macht, der gegenüber der offene, ehrliche Mut der besser denkenden Kirchenväter immer mehr ins Wanken kam.
Auch diesmal kamen sie über halbe Maßregeln nicht hinaus. Wohl machten etwa hundert Kirchenfürsten eine Eingabe an den Papst, in welcher sie gegen die neue Geschäftsordnung sich wendeten mit der Erklärung, daß infolge derselben dem Konzil vorgeworfen werden könnte, daß es der Allgemeinheit, der Wahrheit und der Freiheit entbehre.
Nur vorgeworfen werden könnte! Hier fehlte das eigentlich richtige, das mutig durchgreifende, entschieden protestierende Wort, und so war es nicht verwunderlich, wenn solche Eingaben erfolglos blieben, und wenn die jesuitischen Ratgeber des Papstes sich ins Fäustchen lachten.
Frohwalt war mit dem Jesuitenpater Felice zusammengetroffen, und dieser hatte mit ausgesuchter Liebenswürdigkeit sich an den jungen deutschen Theologen angeschlossen. Im Gespräch aber hatte er mit einem beinahe spöttischen Lächeln um den schmalen Mund sich über die Bemühungen der deutschen Bischöfe geäußert, dem heiligen Stuhle Widerstand zu leisten und hatte mit humoristischer, aber unverkennbar höhnischer Wendung darauf hingewiesen, wie die Konzilsväter Rom nicht eher verlassen würden, bevor nicht das neue Dogma fertig sei. Der römische Sommer werde ihre Bedenken schon schmelzen helfen.
Frohwalt war der kalt lächelnde Mann mit den scharfen Augen niemals mehr widerwärtig gewesen, und er fühlte sich von seiner Freundlichkeit abgestoßen. Die Frage, weshalb er das Haus des Prälaten Parelli nicht mehr besuche, und ob er vielleicht die schönen Augen der Signora fürchte, empörte den jungen Priester, und er war nahe daran, mit heftiger Deutlichkeit dem Jesuiten den wahren Grund dafür anzugeben. Aber er bezwang sich und schützte irgend einen gleichgültigen Grund vor.
An Parellis Haus und die Verhältnisse in demselben sollte er aber bald in noch weniger angenehmer Weise erinnert werden.
Es war an einem Sonntag. Sisto, welcher ein kleines Stübchen im Erdgeschoß des Hauses des Prälaten inne hatte, neben der Wohnung Giovannis, hatte den ganzen Nachmittag an seinem Fenster gesessen und an einer Buchsbaumfigur geschnitzt, welche er schon seit einiger Zeit in der Arbeit hatte. Der Junge besaß ein ganz außerordentliches Geschick, und der Meister, bei welchem er sich in der Lehre befand, hatte sich wiederholt dem Prälaten gegenüber ungemein lobend ausgesprochen. Sisto hatte beschlossen, seinem Wohlthäter heimlich eine kleine Freude und Ueberraschung zu bereiten, und niemand sollte davon wissen. Es war eine ganz köstliche Phantasiefigur, an welcher er schnitzte, eine Art Satyr, welcher auf der Schulter ein reblaubumwundenes Fäßchen trug, das als Lämpchenhalter verwendet werden konnte.