An diesem Sonntage wollte der Knabe mit seiner Arbeit zu Ende kommen, und als es dämmerte, war er in der That so weit, daß er mit Befriedigung auf das vollendete Werk schauen konnte. Er freute sich daran, noch mehr aber darüber, das kunstvolle Lämpchen heimlich in das Schlafgemach des Prälaten zu stellen und ihn so besonders zu überraschen.
Sisto war in seinem Plane ganz aufgeregt und konnte kaum erwarten, bis er nach der Abendmahlzeit sich würde in das betreffende Zimmer schleichen können. Er hatte sich schon vordem ein kleines Glasgefäß verschafft, welches in das geschnitzte Fäßchen paßte, es mit Oel gefüllt und mit einem Docht versehen, auch probiert, wie das Lämpchen brannte und sich beim Schimmer des kleinen Lichtchens erst recht an seiner hübschen Arbeit gefreut.
Als er nun meinte, daß der Prälat mit der Signora – Gäste waren heute ausnahmsweise nicht anwesend – noch bei Tische sitzen werde, schlich er leise und mit pochendem Herzen, als ob er irgend etwas Schlimmes vorhätte, die kleine Dienertreppe hinauf nach dem Obergeschoß. Er kannte, da ihn der Prälat ganz ungehindert überall verkehren ließ, die Lage der Zimmer, sowie ihre Verbindung unter einander ganz genau. Er wußte auch, daß das Schlafzimmer zwei Zugänge hatte, deren einer durch die Salons und das Arbeitszimmer führte, während der andere fast unmittelbar vom Flur aus zu erreichen war.
Er hatte das Lämpchen angezündet, hielt die Hand vor das kleine Licht, damit es ihm nicht erlösche und trat nun, durch ein Dienerzimmer und ein Vorzimmer geräuschlos hinschreitend, an die Thür des Schlafgemachs. Er spähte durch das Schlüsselloch und fand, daß alles finster war; sein Plan wurde offenbar begünstigt, und so faßte er, während seine Linke die Lampe trug, mit der Rechten den Drücker, der leicht und unmerklich nachgab, und einen Augenblick später stand er im Rahmen des Eingangs. Aber dieser Augenblick ließ ihn beinahe zu Stein erstarren.
Das unselige Lämpchen beleuchtete ein Bild, vor dem der Knabe sich entsetzte. In dem Gemache stand an der einen Wand ein geschnitztes breites Bett mit einem seidenen Baldachin darüber und vor demselben ein Divan, der mit einem schönen Pantherfelle bedeckt war. Auf diesem aber saßen in heißer Umschließung Parelli und Lucia, letztere in weißem Négligé mit nackten, vollen Armen. Aus dem dunklen Rahmen des Zimmers trat gerade diese Gruppe, beleuchtet durch das flimmernde Licht, in müden aber deutlichen Umrissen hervor, und auch die beiden Menschen saßen im ersten Momente bei der unerwarteten Ueberraschung wie erstarrt.
Das Lämpchen beleuchtete ein Bild, vor dem der Knabe sich entsetzte. – (S. 287.)
Dann folgte ein zweifacher lauter Aufschrei. Den einen stieß die Signora aus, welche hastig aufsprang und ihre Arme von dem Nacken des Mannes löste, den andern Sisto, der gleichzeitig seine Lampe fallen ließ und wie von bösen Geistern gejagt, hinausstürzte. Dunkelheit lag wieder auf dem üppig ausgestatteten Raume, Dunkelheit breitete sich aus auch in dem kleinen Hofstübchen des armen Jungen, der wie von Entsetzen geschüttelt, mit klappernden Zähnen, sich angekleidet auf seinem Lager hin- und herwarf und den Schlaf nicht finden konnte.
Ihm war zu Mute, als ob ihm ein verehrtes Heiligtum entweiht, als ob ihm eine Gottheit in den Staub getreten worden wäre. Der arme Knabe hatte mit seinem frommen, anhänglich treuen Wesen in dem Prälaten die Verkörperung der Gottähnlichkeit gesehen, er hatte mit einer unendlichen Verehrung, beinahe mit Anbetung zu ihm aufgeschaut, wie zu einem Heiligen … und nun war er so furchtbar enttäuscht. Er hätte aufschreien und weinen mögen in seinen entsetzlichen Schmerzen, die ihm das junge, in seinem Vertrauen so enttäuschte Herz bereitete, denn er fühlte, daß er trotz allem noch den Prälaten liebte; das Weib aber haßte er von dieser Stunde an tödlich.
Der Knabe hatte eine qualvolle Nacht. Stunde ging langsam um Stunde, aber so sehr die bange, heiße Schlaflosigkeit ihn quälte, so sehnte er doch nicht den Morgen herbei, denn er wußte nicht, was der neue Tag ihm bringen würde, und wie er vor die Augen seines Wohlthäters treten sollte.