Aber die Zeit kümmert sich nicht um Leid und Lust, nicht um Sehnsucht und Zagen eines Menschenherzens; mit gleichmäßigem Fuße schreitet sie ihren ewigen Weg durch Glück und Unglück. Und die Sonne Roms ging an jenem Morgen mit wundersamer Herrlichkeit auf am blauen Himmel der Tiberstadt und lachte über den Palästen und blinkte hinein in das Stübchen des armen Jungen, der mit verhärmten Wangen und verweinten Augen, ein Bild des Jammers, in einem Winkel kauerte, wie ein Hund, der gewärtig ist, mit der Peitsche hinausgetrieben zu werden aus dem Orte, wo er friedlichen und freundlichen Unterschlupf gefunden hatte.
Aber Sisto dachte nicht an sich; er dachte an den Herrn, den er liebte und dessen Seelenheil ihm in seiner naiven Frömmigkeit am Herzen lag. O wenn er ihn freimachen könnte aus den Fesseln des buhlerischen Weibes, wenn er wieder gläubig, vertrauend und verehrend zu ihm aufschauen dürfte wie zu einem echten, rechten Hirten der Christenheit! Er hatte im Gebete gerungen und vor allem seinen Schutzheiligen angefleht, der einst ein frommer Papst gewesen und ein Stellvertreter Christi auf Erden, und nun war durch seine Seele wie ein heller Blitzstrahl ein leuchtender Gedanke geflogen. Vielleicht stand sein Heiliger ihm bei, wenn er ihn ausführte.
Er hatte den Prälaten zurückkehren sehen aus der Kirche, und bei dem Gedanken, daß er trotz der Sünde des gestrigen Abends die Messe zelebriert und den Leib des Herrn in Brot- und Weingestalt genossen haben könnte, schauderte er zusammen: Das war nicht möglich – es wäre ein Gottesraub gewesen. Er suchte sich den Gedanken auszureden, während er langsam die kleine Treppe hinaufstieg, die er am vorigen Abend mit freudig klopfendem Herzen gekommen war.
Er wußte, daß Parelli allein frühstückte und zwar in einem kleinen Gemache, das unmittelbar an sein Arbeitszimmer stieß. Auf der Treppe begegnete Sisto seinem Freunde, dem Kammerdiener, der ihm beinahe bestürzt in das blasse, überwachte Gesicht schaute, in welchem die dunklen Augen heute größer und glänzender zu sein schienen. Er frug den Knaben, ob er krank sei; dieser aber verneinte es lebhaft und that die Gegenfrage, ob er Monsignore jetzt allein antreffe.
Giovanni bestätigte dies und schon nach wenigen Augenblicken trat Sisto, nachdem er zuvor durch Klopfen Einlaß begehrt, bei dem Prälaten ein. Als dieser den Knaben sah, fuhr er beinahe erschrocken auf; sein Gesicht rötete sich, und Sisto begann einen Augenblick sich vor einem Ausbruch des Zornes zu fürchten. Aber ehe noch Parelli ein Wort finden konnte, hatte sich der braune Junge schon vor ihm auf die Knie niedergerworfen und hob die gefalteten Hände zu ihm empor:
»O gnädigster Herr, seien Sie nicht böse! Ich habe Ihnen eine Freude machen und Sie mit dem kleinen Schnitzwerk überraschen wollen … ich konnte ja nicht wissen … ich wäre niemals gekommen, und es wäre auch besser für mich gewesen. O gnädigster Herr –« und hier brach Sisto in lautes Schluchzen aus, das den jungen Körper so sehr erschütterte, daß der Knabe nur mit Anstrengung die Worte hervorstoßen konnte »– ach verzeihen Sie mir, aber ich kann nicht anders, weil ich Sie zu lieb habe, entlassen Sie die Signora, die Sie unglücklich macht im Leben und im Sterben, die Ihnen die Seele vergiftet und die ewige Seligkeit raubt! O mein Gott, was rede ich da vor Ihnen, dem hohen geistlichen Herrn! Aber beim heiligen Sistus, ich kann nicht anders, ich muß Sie anflehen, weil es mir sonst das Herz sprengen müßte. O, Signora Lucia ist nicht verwandt mit Ihnen, schicken Sie sie fort, und ich will auf den Knieen vor Ihnen liegen, wie vor den lieben Heiligen, o schicken Sie sie fort!«
Der Prälat war tief erschüttert von dem ungeheuchelten Seelenschmerze des Knaben; er war aufgestanden und stand da mit bleichem Gesichte, gelehnt an den Rand des Tisches. Er sagte mild, mit bewegter Stimme:
»Steh auf, Sisto! Ich will vergessen, daß Du durch Dein Eindringen in mein Gemach zu solcher Stunde ungebührlich gehandelt hast, und daß Deine Liebe zu mir Dich auch jetzt ungebührlich reden läßt.« Auch dem Knaben wich die Röte, welche, während er sprach, seine Wangen übergossen hatte, wieder aus dem Antlitz, und ohne sich zu erheben, stammelte er:
»Und das Weib? – Und die Signora?«
»Das verstehst Du nicht, Knabe, und darüber kann ich mit Dir nicht sprechen,« sagte Parelli ernst, beinahe strenge.