Sisto stand auf. Er sprach kein Wort mehr, die braunen Hände vor das Gesicht geschlagen, stürzte er hinaus, eilte die Treppe hinab nach seinem Stübchen, und hier warf er seine Kleider, die der Prälat ihm gekauft, von sich, suchte den verschlissenen Anzug, in welchem er ins Haus gekommen war, kleidete sich hastig darein, machte dann noch ein kleines Bündelchen zusammen von dem, was er mit Recht sein nennen konnte, und machte sich so wie zu einer Flucht fertig. In ihm stand es fest, daß er nicht hierbleiben konnte, er hätte das Weib erwürgen, vergiften, erdolchen müssen!

Er gab acht, daß ihn niemand bemerken konnte, und dann huschte er schnell durch das Thor hinaus auf die Straße. Noch einen scheuen Blick warf er nach dem hohen, prächtigen Hause, dann lief er von dannen. Er wußte nicht, wohin er sich wenden sollte. Zu dem Meister, der ihn in der Holzbildhauerei unterrichtete, zu gehen, schämte er sich in seinem Anzuge; er hätte nicht gewußt, was er ihm mitteilen sollte über den Grund der Veränderung, die mit ihm geschehen war, und fürchtete Mißdeutungen. Auch zu Quandt wagte er sich aus dem gleichen Grunde nicht, und so stand er in dem weiten, glänzenden Rom wie damals, als er bettelarm in einem Winkel kauerte, weinend und hungernd.

Da fiel ihm der junge deutsche Priester ein, welchen er einigemale im Hause Parellis, sowie bei Quandt gesehen hatte.

Das frische Antlitz, das klare Auge, die wohlwollende Güte Dr. Frohwalts hatten auf den Knaben schon lange einen besonders guten Eindruck gemacht, so daß er stets mit gewissem Vertrauen zu ihm emporblickte. Und da er jetzt, in dieser unglückseligen Stunde jemanden brauchte, dem er, wie einem Beichtvater, alles erzählen konnte, was seine junge Seele schmerzlich zusammenzog, so beschloß er, Frohwalt aufzusuchen.

Er war bei dem Gedanken ruhiger geworden und schritt langsam über die Ponte San Angelo nach dem andern Tiberufer, wo ihm in massiver Majestät die Engelsburg entgegenragte. Sisto kannte die Wohnung des deutschen Priesters, denn er hatte denselben schon einmal im Auftrage des Prälaten aufgesucht, und zu seiner Freude fand er ihn daheim.

Frohwalt sah verwundert, ja beinahe betroffen auf den Knaben in seinem schäbigen Anzuge, und auch Sisto stand einige Augenblicke verlegen und mit schimmernden Augen vor ihm. –

»Was ist's? Und warum kommst Du so zu mir?« fragte endlich der Priester in freundlichem Tone, und der Knabe faßte nach seiner Hand und küßte sie inbrünstig.

»Ach, verzeihen Sie mir, hochwürdiger Herr! Aber ich muß zu Ihnen kommen, Sie sind der Einzige, zu welchem ich Vertrauen habe.«

Frohwalt suchte den aufgeregten Jungen zu beruhigen. Er zog ihn neben sich auf den Divan, legte ihm freundlich die Hand auf die Schulter, und so, sich leicht an den Priester anschmiegend, die Augen gesenkt, berichtete Sisto alles, was seit gestern abend gewesen war. Er schloß:

»Und da konnte ich nicht anders, hochwürdiger Herr! Ich mußte das Haus verlassen und wenn ich auch betteln muß. Ich will keine Hilfe von Ihnen, Sie sollen mir nur sagen, ob ich recht gethan habe oder nicht, denn Gott weiß, ich wollte nicht undankbar sein!«