Die Uhren der ewigen Stadt verkündeten die achte Morgenstunde. Rom begann langsam sich den Schlaf aus den Augen zu reiben, und ob es auch, zumal in den größern und glänzenden Straßen, in den Häusern der vornehmen Viertel noch recht still war, der Pulsschlag der Großstadt wurde doch überall vernehmlich. Auf den Plätzen sammelt sich müßiges Campagnolenvolk, um zu warten, ob man es zu irgend einer Arbeit dingen werde. Es sind prächtige Gestalten unter diesen lungernden Bauern, die in ihren verschlissenen, zerfetzten aber bunten Anzügen da und dort lehnen, gelangweilt in die Welt hinein schauen, oder in kleinen Gruppen auf dem Erdboden liegen, und mit leidenschaftlicher Erregung das geliebte Morra spielen. Kleine Wagen mit den täglichen Lebensbedürfnissen und den Erzeugnissen des Gartenbaus rollen langsam daher, und ihre Besitzer lassen ihre gewohnten eintönigen Rufe erschallen, welche zum Kaufen einladen sollen, während ihre Lasttiere dazwischen schreien, als wollten sie ihr Vergnügen über den neuen Morgen ausdrücken, vielleicht auch ihre Klage über die neue Plackerei. Die niedlichen Blumenverkäuferinnen richten ihre Verkaufsstände her, zumal in den Fremdenquartieren, und auf der Treppe, die nach dem spanischen Platze herabführt, haben sich zahlreiche Modelle eingefunden und warten auf die Künstler, die sich hier ein Stelldichein geben.
Auf der Piazza di Spagna selbst wird es lebendiger. Auch die vornehmen Hôtels und die prächtigen Paläste öffnen die schlaftrunkenen Augen, goldglitzernde Wagen fahren da und dort vor und warten, mit den reichgallonierten Dienern auf dem Bocke, und die bummelnden Campagnolen, das fahrende Volk und alle, die es bemerken, wissen, daß heute Konzilssitzung ist, und daß diese prächtigen Karossen einige besonders vornehme und reiche Väter nach der Peterskirche fahren werden.
Das Schauspiel ist nicht mehr neu und deshalb die Neugier keine besonders brennende. Endlich erscheint da und dort in einem Portale eine Gestalt in rot- oder violettseidenem Talar – je nachdem es sich um einen Cardinal oder Bischof handelt – und neben ihr oder hinterdrein kommt ein geistlicher Begleiter … und bald darauf rasselt der Wagen, dessen Radspeichen im Morgensonnenschein aufblitzen, die vornehme Via dei Condotti entlang nach der Engelsbrücke zu.
Hier ist es belebter. Von fünf Straßen rollen sie aus dem Innern der Tiberstadt heran, die Wagen mit den Vätern des Konzils. Da kommen von der Richtung des Palazzo Borghese her die Mietswagen der minder begüterten Herren, die in ihren violetten Talaren im Fond lehnen, die breitrandigen Hüte auf den Häuptern und blinkende Kreuze auf der Brust, und langsamer trotten dazwischen die gewöhnlichen Droschken, die vetture pubbliche, in welchen zwei, wohl auch drei der geistlichen Oberhirten Platz genommen haben, und die Leute schließen aus der Verschiedenheit der Gefährte auf Bedeutung und Vermögen der Herren.
In den Droschken sitzen zumeist die aus dem fernen Osten gekommenen Bischöfe, die mit voller Gleichgültigkeit und unentwegter Würde auf den Gesichtern, die bald von tiefschwarzen, bald von schneeweißen, wallenden Bärten umrahmt sind, auf die Leute herabsehen, ab und zu ihre Dose hervorziehen, sie dem Nachbar reichen, und dann mit nachlässigem Behagen das duftende Labsal zur Nase führen.
Langsam fahren die Wagen, nur zwei, höchstens drei neben einander, über die Engelsbrücke hinüber nach dem vatikanischen Rom, und auf dem St. Petersplatze finden sich alle zusammen. Die Sonne Roms beleuchtet hier ein großartig schönes Bild. Vor der gewaltigsten aller Kirchen, deren einzig schöne Kuppel, das mächtigste herrlichste Denkmal des großen Michelangelo, in den tiefblauen Aether hinaufragt, breiten sich die Säulenhallen Berninis aus, und in den drei bedeckten Gängen, welche von den prächtigen Travertinsäulen gebildet werden, lustwandeln noch einzelne Konzilsväter. Rechts und links von dem Obelisken, den Sixtus V. aufstellen ließ, und der schon manche wunderlichen Dinge an sich vorübergehen sah, steigen glitzernde Wasserstrahlen und fallen tönend und klingend in die schönen achteckigen Schalen zurück.
Und daß neben dem Großen das Kleine, neben dem Heiligen das Weltliche nicht fehle, haben auf dem Petersplatze erfinderische Köpfe Trinkhallen errichtet, aus welchen ein köstlicher Kaffeeduft hervordringt, während Tabakhändler in kleinen Buden ihre trefflichen Waren anpreisen. Sie kennen die frommen Herren aus dem Oriente und haben ihnen ihre Bedürfnisse abgelauscht. Und diese Söhne einer fremden Sonne nehmen es nicht genau mit den Forderungen der üblichen Sitte und sind sinnlichen Lockungen, soweit sie nicht unerlaubt sind, nicht unzugänglich. Da stehen Bischöfe aus Syrien, Armenien, Bulgarien in dem kleinen Laden und schlürfen ihre Tasse Mokka formlos und ungezwungen, und um den Tabakshändler finden sich Maroniten, Chaldäer und andere ein, prüfen die Waren, und versorgen sich damit, um während der Konzilsverhandlungen eine Herzstärkung und dann daheim eine Tröstung zu haben für die entbehrten Genüsse der orientalischen Heimat.
Die abendländischen Kirchenfürsten sind ihrer Würde sich mehr bewußt. Sie wandeln noch einige Zeit mit ernster Würde in den Säulenhallen hin und her, und wie beim Turmbau zu Babel vermag man auch hier alle Sprachen zu vernehmen. Im elegantesten Französisch unterhalten sich einige Herren mit geistvollen, bartlosen Gesichtern, von anderer Seite mischt sich mit dem wohlklingenden Neugriechisch das steife, breite Englisch, und neben dem vokalreichen Spanisch erklingen die konsonantenreichen slavischen Idiome. Und wenn sich all das Fremde unter einander verständlich machen will, dann wird auch die alte Sprache wieder lebendig, die einst an den Tiberufern erklang … und doch wiederum nicht dieselbe Sprache, denn wenn ein alter Römer vom Capitol herüber oder von der Moles Hadriani herankäme, er würde entsetzt sein über das, was sich mitunter hier als Latein ausgiebt.
Die Zeit für den Beginn der Sitzung ist gekommen.