Ueber die schöne Traventin-Freitreppe flutet langsam der seidenglänzende Strom hinauf und hinein in jene herrliche Vorhalle, deren großartige Perspektive und prachtvolle Deckenornamentik würdig auf das Gotteshaus selbst vorbereiten; aber von den Konzilsvätern kümmert sich keiner mehr um diesen Anblick; ihre Gemüter sind zumal heute mächtig erregt in der Vorahnung, daß es eine bewegte Sitzung geben werde. Um den streitbaren Bischof Stroßmayr geschart kommen die österreichischen und deutschen Bischöfe, und manches blitzende Auge eines italienischen Kirchenfürsten betrachtet den kühnen kroatischen Prälaten mit unverhohlener Gehässigkeit. Wenn er nicht wäre, könnte man viel rascher zum Ziele kommen.
In dem gewaltigsten Dome der Christenheit fehlt es niemals an Andächtigen, sowie an Neugierigen. Auch heute sind sie zahlreich hier und lassen den geistlichen Hofstaat des Papstes an sich vorübergehen.
Da wo unter der Riesenkuppel, die in wundersamer, ergreifender Großartigkeit, ein herrliches Pantheon, in der Luft zu schweben scheint, sich der Hauptaltar mit dem unförmigen Tabernakel Berninis erhebt, hat sich die Menge am zahlreichsten eingefunden. Hier ist das Heiligste im Heiligen, das Grab des ersten »Statthalters Christi auf Erden,« vor welchem der Lichtglanz von 89 vergoldeten Lampen die »Konfession« von Carlo Maderno Tag und Nacht beleuchtet. Hier ist überall der matte Glanz des Marmors untermischt mit dem helleren Blinken des Metalls und mit dem kunstvollen Schmuck alter Mosaike.
Und wie die Kirchenfürsten hier langsam, ehrwürdig und würdevoll herankommen, da geht ein Fragen und ein Raunen durch den Kreis der Neugierigen und der Frommen, und die Namen der Kardinäle und Bischöfe laufen von Mund zu Mund. Diese selbst aber wenden sich nach rechts, wo in einem Querschiff der Versammlungsraum für das Konzil in einer weder besonders bequemen, noch hervorragend schönen Weise hergerichtet worden ist. Eine zu dem besonderen Zweck errichtete große hölzerne Pforte schließt den Konzilssaal ab gegen die Kirche. Die Holzwand ist mit einem Marmormuster angestrichen worden, auf welchem die Himmelskönigin gemalt ist, zu deren beiden Seiten die Apostelfürsten niederschauen auf die Vertreter der kirchlichen Rangordnung, wie sie jetzt an den wachehaltenden Schweizern, die ihre Hellebarden präsentieren, vorüberschreiten.
Enger drängen sich vor dem Eingang die Neugierigen heran, um zu sehen, wie da drin sich die kreisrund sich erhebenden, grüngepolsterten Sitze allmählich füllen, bis auch die letzten der Kirchenväter eingetreten sind. Dann wird die Pforte geschlossen, und die ernsten, stattlichen Gestalten der Schweizer drängen die Horcher noch um einige Schritte zurück, damit die Christenheit auch nicht das geringste vernähme von dem, was hier innen zu ihrem Heile verhandelt wird.
Tief und volltönig erklang nun der Gesang eines lateinischen Hymnus, dann folgten Gebete und dazwischen der Ton des Glöckleins, der den Außenstehenden verkündete, daß der Meßgottesdienst in der geschlossenen Halle fortschreite, und sobald das Zeichen erscholl, daß sich eben jetzt in den Händen des zelebrierenden Bischofs das Wunder der Verwandlung vollzog, sanken die Gläubigen auch diesseits der hölzernen Thüre auf die Kniee nieder und flehten den Beistand des heiligen Geistes an für die Beratungen der frommen Väter.
Und an diesem Tage hätte derselbe besonders Veranlassung gehabt, in der Mitte des Konzils zu sein.
Die Falle, von welcher Felice vor Parelli gesprochen hatte, sollte aufgestellt werden. Von der Rednertribüne herab eiferte ein Kardinal über die Verderblichkeit des Protestantismus. Das Gewand des Kirchenfürsten schillerte in hellem Purpur, aber sein Gesicht nicht minder. Was er vortrug, war ein wohlgesetztes Machwerk, das von einer Kommission ausgearbeitet war und den Stempel jenes Geistes trug, in welchem der Jesuit Felice sich geäußert hatte.
Mit fanatisch leuchtenden Augen saßen die einen, mit würdevoller Gleichgültigkeit nickten die Häupter der andern Zustimmung, nur auf den Sitzen des deutschen, österreichischen, französischen und amerikanischen Episkopats rückten einige unruhig hin und her; man sah auf Dupanloup, den geistvollen französischen Erzbischof, der mit großen, klaren Augen nach dem Vortragenden schaute, und bei dem nur ein leiser Zug der Bitterkeit um den feinen Mund den Unmut verriet, den er empfand. In das frischgerötete, edle Gesicht des Cardinals Schwarzenberg war eine noch lebhaftere Färbung gestiegen. Ernst, beinahe finster, sah der Erzbischof von München-Freising drein und wechselte einen verständnisvollen Blick mit seinem landsmännischen Amts- und Gesinnungsgenossen, dem Bischof von Augsburg, die meisten Blicke aber richteten sich auf Bischof Stroßmayr, dessen scharfgeprägte Züge von verhaltenem Kampfesmute zeugten und dessen Hände sich unruhig bewegten, als vermöge er sich kaum zu beherrschen.
Sobald der vortragende Cardinal geendet, sah man ihn sich erheben, und gleich darauf klang seine Stimme laut und vernehmlich, so daß sie hinausscholl bis in die Kirche selbst, und die Eingeweihten wußten, daß er das Wort ergriffen habe. Er war der gewaltigste Redner des Konzils, geistvoll und gelehrt, schlagfertig und ehrlich, gewandt und klug, und beherrschte die lateinische Sprache mit einer Sicherheit und Eleganz, als ob sie ihm angeboren wäre. Man sah, wie die Augen der päpstlichen Partei sich finster zusammenzogen, und wie die Gegnerschaft sich fester in die Sitze drückte, als überkäme sie ein Gefühl der Sicherheit angesichts der Thatkraft des Mannes, der jetzt das Wort ergriff. Neidlos hatten Schwarzenberg und die geistvollen Führer der französischen Kirche, Dupanloup und Maret, ihm die Palme der Führerschaft der Widerstandspartei überlassen, und der slavische Bischof war's, der als der Gefürchtetste und der Geehrteste zugleich angesehen werden muß.