»Mit Vergunst, ihr hochwürdigsten Väter!« begann er. »Harte Worte haben an unser Ohr geschlagen und fast will es mir scheinen, als ob sie an diesem Orte besser nicht gesprochen worden wären. Ich beklage es tief und aufrichtig, daß von der Kirche desjenigen Apostels, welcher dem Herrn am nächsten stand und der ein lebendiger Zeuge seiner allumfassenden Liebe war, Worte in die Welt ausgehen sollen, welche von dieser Liebe nichts wissen, und wenn ich bedenke, daß das Direktorium dieser hochwürdigsten Versammlung mit Vorbedacht diese Angelegenheit hier zur Erwägung und zum Beschlusse vortragen konnte, vermag ich – so hart es auch klingt – den Vorwurf der Lieblosigkeit nicht zu unterdrücken. Diese Lieblosigkeit muß aber um so größer erscheinen angesichts der bedauernswerten Unkenntnis der Geschichte – oder soll ich sagen angesichts der absichtlichen Verkennung der geschichtlichen Thatsachen? Man muß der Wahrheit Zeugnis geben, auch wenn sie uns nicht behaglich ist, und wenn man dazu den Mut nicht finden kann, darf man sie wenigstens nicht absichtlich entstellen. Welche Thatsachen aber können zum Beweise vorgebracht werden für die Behauptung, daß der Protestantismus alle Uebel der Zeit verschuldet und den drohenden Glaubensbankerott auf dem Gewissen habe? Hier sitzen eine gute Anzahl ehrwürdiger Väter, in deren Diözesen Protestanten friedlich, ehrlich und brav neben Katholiken leben … sollen sie, sollen wir, die berufenen Hüter des Friedens, durch solche Beschlüsse, wie die angestrebten, die Brandfackel in die Gaue werfen, in denen wir das Wort der Liebe zu verkünden gesetzt sind? Und meine ehrwürdigen Väter, soll ich Ihnen Protestanten nennen, die gegen Umsturz und Unglauben sich erhoben, gegen Revolution und Sittenverderbnis gekämpft haben? Soll ich Ihnen Namen anführen, denen gegenüber selbst der Eifer des Ordens Jesu erbleicht, vor deren edler Thätigkeit im Dienste der Menschheit wir selbst in schweigender Achtung uns neigen müssen? …«

Schon einige Male hatten Zwischenrufe aus den Reihen zumal der italienischen Bischöfe den kühnen Redner unterbrochen, vereinzeltes Murren war vernehmbar geworden, jetzt aber brandete es auf wie in einem erregten Meere. Eine Anzahl Väter sprang von den Sitzen auf, andere suchten zu beschwichtigen, Rufe ertönten, welche dem Redner den Schluß seiner Rede aufdringen wollten, Stroßmayr aber schien an solche Szenen gewöhnt zu sein; er schaute einige Augenblicke schweigend in die Versammlung, seine Augen blitzten klar und fest, und nachdem einigermaßen die Ruhe wieder hergestellt worden war, nahm er das Wort von neuem.

»Ich weiß nicht, meine ehrwürdigen Brüder, ob durch eine solche Weise der Behandlung der aufgeworfenen Fragen die Würde des Konzils gewahrt und das Ansehen des Einzelnen gefördert werden kann, ich weiß nur, daß auch ein solcher Eingriff in das Recht, hier seine Meinung ehrlich aussprechen zu dürfen, mich nicht abhalten wird, dies zu thun. Oder soll dieser Vorgang kennzeichnend sein für die Handhabung der neuen Geschäftsordnung, mit welcher man uns unangenehm überraschen möchte? Und das ist ein Punkt, über welchen ich an dieser Stelle gleichfalls mich nicht auszuschweigen vermag, um so mehr, als ich weiß, daß ich im Sinne und nach der Meinung einer großen Zahl meiner hochwürdigen Amtsbrüder spreche. Der Schwerpunkt dieser neuen Geschäftsordnung liegt darin, daß eine einfache Mehrheit entscheiden soll über die wichtigsten Fragen der Kirche. In jeder andern parlamentarischen Körperschaft wird die Annahme selbst unwesentlicher Gesetze davon abhängig gemacht, daß eine relativ größere Mehrheit dafür stimmt, und wo es sich um das Seelenheil von Millionen von Katholiken handelt, soll der Zufall einer einzigen Stimme den Ausschlag geben dürfen? Man kann doch nicht in einem solchen Falle das Walten des heiligen Geistes annehmen, der bei 700 Bischöfen und Prälaten gerade 351 erleuchtet und 349 die Erleuchtung versagt! Eine solche Annahme wäre doch frivol, ja gotteslästerlich. Freilich ist es bei den Mitteln, die man anwendet und bei der Zusammensetzung dieser hochwürdigsten Versammlung außer Zweifel, daß man für die Vorlagen eine Mehrheit von mehr als einer Stimme erreichen werde. Auch hier handelt es sich um den Grundsatz, nach welchem vorgegangen wird, und die Einführung dieses Grundsatzes würde einen beklagenswerten Mißbrauch der Gewalt bedeuten, welche die in Rom herrschende Partei und das nicht aus freier Wahl des Konzils hervorgegangene Direktorium ausübt, und gegen einen solchen lege ich im Namen Vieler Widerspruch ein …«

Aufs neue erhob sich ein Sturm der Empörung, laute Zurufe für und wider erschollen, aber machtvoll durch das Getöse klang die Stimme des kühnen Sprechers:

»Der heutige Antrag soll die Probe machen auf die neue Geschäftsordnung, man möchte uns heute schon verlocken, mit einfacher Stimmenmehrheit die Kundgebung gegen die Protestanten zu verwerfen, aber wir sind auf der Hut. Mit solchen Mitteln wird man uns nicht zwingen, man wird damit noch weniger die Gewissen der katholischen Welt vergewaltigen können …«

Weiter kam er nicht. Der Lärm wurde betäubend. Das war keine Versammlung von ehrwürdigen Kirchenvätern, das war ein wüstes Chaos von zornig erregten Parteimännern. Nur wenige saßen; überall war man von den Sitzen aufgesprungen, viele hatten ihre Plätze verlassen, man schrie einander zu, man überschrie aber auch vor allen den kroatischen Bischof, und als dieser trotz alledem auf das Wort nicht verzichten wollte, da nahm die leidenschaftliche südliche Erregung selbst bedrohliche Formen an. Es erklangen Worte, die nicht bloß die Heiligkeit des Ortes verletzten, sondern auch die Würde des Sprechers, und mit blitzenden Augen, ja mit geballten Händen drang man gegen ihn vor, als wolle man ihn thatsächlich insultieren.

Der wüste Lärm klang vernehmbar hinaus auch vor die Pforte des Konzilssaals. Neugierige und Fromme sahen sich erstaunt an, über manches Gesicht flog ein mühsam verhaltenes Lächeln des Spottes, auf manchem dagegen stand etwas von der Erregung geschrieben, die jenseits der Pforte die Gemüter bewegte. Zahlreiche Kutscher und Diener der Prälaten harrten hier auf ihre Herren. Auch sie hatten ihre Meinung über das, was da drinnen vorgehen mochte.

»Sie schlagen und raufen sich!« rief halblaut ein derber galonnierter Rosselenker, und die Behauptung schien nach dem, was man vernehmen konnte, die Wahrheit für sich zu haben.

»Laßt uns hineindringen – – wir wollen unsern Herren helfen – wir wollen sie retten …«