Die beiden Männer gingen langsam weiter und Martin begleitete Frohwalt nach seiner Wohnung zu dem Kardinal Schwarzenberg. Hier war alles in Aufregung. Seine Eminenz war bereits zurückgekehrt aus der Sitzung, blaß und ernst, und hatte Weisung gegeben, sofort alles zur Abreise aus Rom bereit zu machen. Eine allgemeine Bewegung ging durch Gefolge und Dienerschaft, und diese Bewegung im Hause wurde noch vermehrt durch das Kommen und Gehen von zahlreichen Kirchenfürsten, die mit dem Cardinal, der wenigstens äußerlich als Führer der Gegenpartei galt, beraten wollten, was nun noch geschehen sollte. Trotz dieser Regsamkeit aber lag es lastend, gewitterschwül auf dem Hause, und alle Gemüter waren erfüllt von Unruhe und Bangigkeit. Man hatte bis zum untersten Bedienten das Gefühl, daß etwas Unnatürliches, Gewaltsames, Verhängnisvolles geschehen sei, vor dem man aus unheimlichem, innerem Antriebe sich zur Flucht rüste.

Und an demselben sowie am nächsten Tage machten sich außer dem Cardinal noch mehr als 50 Kirchenfürsten fertig zur Abreise; es waren meist Deutsche, welche die Schlußabstimmung und die Veröffentlichung des Glaubenssatzes nicht abwarten wollten, zumal öffentlich bekannt gegeben war, daß diejenigen, welche am 18. Juli etwa noch auf ihrem Widerspruch verharren würden, vor dem heiligen Vater selbst zur Unterwerfung aufgefordert werden sollten. Und das nannte man freie Ueberzeugung und freie Meinungsäußerung!

Manch einer von den geistlichen Würdenträgern war trotzdem geneigt, in dem Widerspruch zu verharren, aber die meisten hatten angesichts der erwähnten Drohung den Mut verloren – sie fühlten sich nicht stark genug, vor dem Stellvertreter Gottes ihr non placet (Nein) zu wiederholen, und bei solcher Uneinigkeit in der Gegnerschaft war es besser, dieser letzten Versuchung auszuweichen.

In der Wohnung des Cardinals Schwarzenberg saßen eine Anzahl Kirchenfürsten noch am Abend in ernster Beratung: sie hatten ihre theologischen Beiräte hinzugezogen, und auch Peter Frohwalt nahm nebst Professor Meyer an derselben Teil. Endlich war der Wortlaut eines Schreibens an den heiligen Vater festgesetzt, in welchem die Unterzeichneten erklärten, daß sie bei ihrem »Nein« beharren müßten, da sich seit dem Tage, da sie zum ersten Male als Gegner der neuen Lehre aufgetreten seien, nichts ereignet habe, was eine Aenderung ihrer Ansicht hätte herbeiführen können, im Gegenteil seien sie in dieser immer aufs neue bestärkt worden.

Mit fester Hand setzte Cardinal Schwarzenberg seinen Namen unter das Schriftstück, ihm folgte der Vertreter des bayerischen Episkopats, der Erzbischof von München-Freising.

In tiefer Nacht suchte Frohwalt sein Lager mit einem Gefühle der Beruhigung, denn er setzte sein volles Vertrauen in die Aufrichtigkeit und Festigkeit dieser Erklärung und gelobte sich selbst, bei der erkannten Wahrheit unter allen Umständen auszuharren. Und noch ein anderer Gedanke erfüllte ihn, die Freude wieder in die Heimat zurückzukommen, seine Mutter wieder zu sehen, und seiner Schwester … vielleicht auch seinem Schwager die Hand zu drücken, denn die Sehnsucht stimmte ihn weich und versöhnlich.

Der nächste Morgen war trübe und der junge Priester ging daran, seine letzten Besuche zu machen. Zunächst wollte er den Vetter Martin zu finden trachten, der diesmal wieder bei der Bildhauerwitwe wohnte, wo ehedem Quandts gehaust hatten. Er traf ihn auch zu Hause, und der Alte lächelte seltsam, als Frohwalt von der plötzlichen Abreise des Cardinals erzählte.

»Hm … ich fürchte, Pio Nono hat einen langen Arm und wird die Herren auch außerhalb Rom zu finden wissen. Das ist der Anfang vom Ende – wohl mir, daß ich kein Bischof geworden bin. Deshalb kann ich auch mit ruhigem Gewissen noch in Rom bleiben und auf eigene Faust im Widerstande verharren. Man wird zwar gegenwärtig hier im eigenen Fett geschmort, ein Vorgang, der bei meiner Leibesbeschaffenheit übrigens einige Schwierigkeiten hat, aber mein Eintrittsgeld für die Komödie habe ich einmal bezahlt, und darum will ich mir den Schlußakt auch noch ansehen. So etwas ist doch in der ganzen Weltgeschichte noch nicht dagewesen. Dir wünsche ich glückliche Reise, und grüße mir die alte Heimat und alles, was drum und dran hängt.«

Der Alte begleitete ihn noch zu Parelli, von dem sich Frohwalt ebenfalls zu verabschieden gedachte, während Martin seinen »Lausitzer Windhund« aufsuchen wollte. Hans Stahl war ungemein fleißig und arbeitete mit einer Energie, welche ihm kaum jemand zugetraut hätte, für ihn war Rom in mehr als einer Hinsicht eine treffliche Schule, und Vetter Martin hatte schon bei einem früheren Besuche ihm seine Freude geäußert über die sichtbaren Fortschritte in seinem Schaffen. Heute war der junge Mann nicht daheim, und auch Parelli war nicht zu sprechen. Frohwalt erfuhr, daß er nach der gestrigen Konzilssitzung schwer erkrankt sei, und nach Aussage des Arztes sehr bedenklich am Nervenfieber darniederliege.

Traurig und still gingen die beiden Landsleute neben einander her, wieder der Wohnung des jungen Priesters zu. Endlich sagte Martin: