Die milde Sonne eines schönen Augusttages leuchtete über der kleinen Landstadt in Böhmen, in welcher Peter Frohwalts Wiege gestanden hatte. Es war vormittags und in den Gassen war es still bis auf das Rufen spielender Kinder und das verhallende Geräusch, welches da und dort aus einer Werkstatt kam. Hier merkte man es nicht, daß vor kurzem ein bedeutsames Kapitel der Weltgeschichte draußen am Rheine seinen Anfang genommen hatte, und auch das, was in Rom geschehen war, schien zunächst nicht die Gemüter zu beunruhigen.

Von der Berggasse her kam behäbig und langsam der Vetter Martin; er sah prächtig aus mit seinem gebräunten Gesicht, aus dem die klugen, hellen Augen freundlich in die Welt lachten, und auch seine »Hinterflosse« schien ihm keine Unannehmlichkeiten weiter zu bereiten, denn sein Gang war sicher, seine Haltung gerade. Man sah es ihm an, daß er sich freute, wieder in dem lieben, kleinen Neste zu sein, das auf ihn wie auf eine besondere Charakterfigur ein Recht hatte, stolz zu sein, und alles schien ihn zu interessieren, ob hier ein Haus neu angetüncht, dort ein Zaun repariert oder ein Gartenhaus errichtet war, und wo er Menschen sah, rief er kräftig seinen »Guten Morgen« über die Gasse und in die Fenster hinein und sorgte so dafür, daß man noch an diesem Vormittage im ganzen Städtchen erfahre, daß der »Vetter Martin« wieder eingetroffen sei.

Er war erst am Abend zuvor gekommen. Getreu seinem Grundsatze, nichts halb zu thun, war er mit Hans Stahl bis in dessen Heimat gefahren und hatte ihn selbst seinen Eltern zugeführt. Diese, zumal der Vater, hatten sehr erstaunte und eigentlich zürnende Augen gemacht, aber gerade darum war der Alte mitgekommen, um ihnen zu sagen, daß sie eigentlich unserm Herrgott dafür danken müßten, daß er ihnen einen so prächtigen Jungen gegeben habe. Das mit den zweitausend Mark sei freilich eine Dummheit gewesen, aber man müsse es als Lehrgeld betrachten in der Schule des Lebens, im übrigen aber habe sich Hans als Mensch wie als Künstler so tüchtig ausgewachsen, daß er – der Vetter Martin – jede weitere Bürgschaft für ihn übernähme. Außerdem aber stelle er sich jetzt in den Dienst des Vaterlandes, und dazu brauche er den Segen von Vater und Mutter … und kurz und gut, der Alte hatte die Freude, daß sie alle einander in den Armen lagen, und daß er selber noch einige Tage bleiben mußte, nachdem Hans bereits zum Heere abgegangen war.

Auch das mochte wohl mit dazu beitragen, seinem guten alten Gesichte heute jene sonnige Heiterkeit zu geben, die wie ein Widerschein des Lichtes war, das vom Himmel herab die Erde vergoldete. Jetzt machte er seine Besuche, und der erste derselben galt Frohwalts Mutter.

Das kleine Haus am Thore sah so sauber und blitzblank aus, als ob es ein Fest feiere, und Martin war auch nicht wenig verwundert, als er beim Eintritt in die Stube seinen jungen Freund Peter hier mit Mutter und Schwester beisammen fand. Auch dieser war gestern abend eingetroffen, um einige Tage in der Heimat zuzubringen, und seine Ankunft schien besonders die alte Frau, welche seit einiger Zeit kränkelte, neu zu beleben, denn sie saß mit geröteten Wangen und hellen Augen da und schaute glückselig den jungen Priester an, dessen schöne Züge die Sonne des Südens gebräunt hatte.

Auch Marie schien glücklich zu sein über den Bruder. Sie war als Frau noch hübscher geworden, und man merkte ihr an, daß sie es nicht bereute, ihrem Herzen gefolgt zu sein; auch das lachende Kind in ihrem Schoße, das ohne Furcht nach dem unbekannten »Onkel« hinschaute, war eine Bürgschaft dafür.

»Na, so ist's recht!« rief Martin – »da sind wir ja alle glücklich wieder beisammen. Was? – Bei Muttern ist es doch noch schöner als in Rom, und mir kommt unser kleines Nest jetzt noch einmal so behaglich vor. Die Hitze war schon nicht mehr angenehm. Und Marie hat's natürlich schon gestern abend gewußt, daß unser Konzilsvater eingetroffen ist und hat ihren kleinen Peter heute herausgeputzt – – nein, wie so ein Kerlchen heranwächst – und so verständig sieht er drein, als ob er gleich etwas ungeheuer Vernünftiges von sich geben wollte. Also und Ihnen, Frau Gevatter, war der Besuch die beste Medizin, das merkt man Ihnen an. Na, eine Tasse Kaffee trinke ich noch mit zur Feier des Tages, wenn Ihr sie gerade übrig habt!«

Und dann saß er in dem alten, gepolsterten Stuhle, in welchem der selige Papa Frohwalt immer ausgeruht hatte, und streckte sich, nachdem er allen die Hände gereicht, mit Behagen aus.

»Da fehlen bloß noch Quandts und Hans Stahl … dann sind wir alle wieder beisammen!« sagte er.