»Quandts sitzen in Ehrenberg bei seinen Schwiegereltern und er hat mir schon seinen Gruß von dort zugehen lassen mit der Mitteilung, daß Sisto bei einem trefflichen Dresdener Meister Bildhauer untergebracht ist und sich in Elbflorenz wohl befindet!« bemerkte Frohwalt. »Er war so entschieden besser aufgehoben, als bei Monsignore Parelli.«
»Jawohl« – sagte der Alte und ein Schatten huschte über sein Gesicht – »besonders da der Monsignore gestorben ist.«
»Wie? – Also doch?« fragte der junge Priester.
»Ja, gerade am 18. Juli, dem Tage der Generalkongregation und des Schlußakts der großen Komödie in Rom.«
»Das ist eine wunderbare Fügung des Himmels!«
»Wunderbar und schön zugleich!« sprach Martin ernst, und einen Augenblick blieben alle stille. Dann begann der Alte von Hans Stahl zu erzählen, der jetzt bereits gegen den Erbfeind Deutschlands zu Felde lag, und durch eine begreifliche Ideenverbindung kam er auf Therese Haller.
Da verdüsterten sich die Gesichter der beiden Frauen, und sie sahen sich seltsam und einige Sekunden schweigend an, dann sprach Marie halblaut und gedrückt:
»Man kann nicht viel davon reden, aber es ist ein großes Leid, das sie trägt. Sie klagt nicht, gegen niemanden, ich glaube auch gegen ihren Vater nicht, aber die blassen Wangen und die müden Augen erzählen traurige Geschichten. Patienten hat Dr. Haller in der Stadt selbst nicht, und da reitet er jeden Morgen über Land und kommt oft erst in tiefer Nacht wieder. Ob er Kranke besucht, ist sehr ungewiß, aber bekannt ist, daß er viel trinkt und spielt, und er ist schon manchmal am Morgen gefunden worden … ach, man sagt's nicht gern. Und was sich im Hause mitunter abspielen mag, das erfährt niemand. Ihn selbst hat man schon heftig reden hören bis auf die Gasse, aber sie scheint zu schweigen.«
Der Alte wiegte den grauen Kopf und Frohwalt senkte die Stirne. Der erstere dachte an jenen Maitag auf dem alten Beth Chajim und an den prächtigen Jungen, der zur Entsagung gezwungen ward, und der andere war mit seinen Gedanken bei Professor Holbert und bei der Erinnerung daran, wie dieser sein einziges Kind liebte. Das Gespräch wollte gar nicht mehr recht in Fluß kommen. Da pochte es, und auf das Herein! erschien eine Frau von schlichtbürgerlichem Wesen, deren Gesicht eine besondere Erregung zeigte. Sie war eine Freundin der Hausfrau und wurde von dieser herzlich begrüßt. Als sie Peter bemerkte, schien sie einigermaßen verlegen zu werden, und es war beinahe, als ob sie sich wieder entfernen wolle. Aber Martin, der hier wie daheim war, und sie gleichfalls gut kannte, rief: