»Hier ist noch Platz, Frau Franke – und Kaffee können Sie doch nicht mehr kriegen, da habe ich den letzten weggetrunken! Setzen Sie sich einmal her – wir haben lange nicht neben einander gesessen und dann schütten Sie Ihr Herz aus, denn daß Sie darum gekommen sind, sehe ich Ihnen an!«
»Ach freilich, Du lieber Gott« – sagte die Frau – »und so was ist mir auch noch gar nicht passiert! Aber ich weiß nicht, ob ich – –«
Sie hielt mit einem bezeichnenden Blicke auf Peter inne.
»Ach, vor dem geistlichen Herrn brauchen Sie keine Furcht zu haben; der weiß schon lange, daß Sie einen protestantischen Mann geheiratet haben und trotzdem eine kreuzbrave Frau und gute Katholikin sind.«
Der Frau liefen die Thränen über die Wangen und sie setzte sich nieder.
»Ach, ich muß mir's auch von der Seele herunterreden, und 's ist vielleicht gut, wenn der hochwürdige Herr das weiß und sagen kann, ob so etwas recht ist.«
Die Aufgeregte mußte erst ein wenig von den andern beruhigt werden, ehe sie fortzufahren vermochte.
»Mein Sohn wird doch in diesen Tagen heiraten. Er ist evangelisch wie der Vater und nimmt auch eine Evangelische aus Burgdorf. Daß ich als Mutter der Trauung beiwohnen will, auch wenn sie nicht in einer katholischen Kirche stattfindet, ist doch, denke ich, keine Sünde, und unser Herrgott wird's einem katholischen Mutterherzen nicht übel nehmen. Aber ich wollte doch vorher beichten und eine Beruhigung haben und so bin ich heute früh vor der Messe bei unserm Herrn Pfarrer gewesen. Der aber war sehr streng und ernst und hat mir's verboten, der Trauung beizuwohnen, und weil ich ihm gesagt habe, das könnt' ich ihm nicht versprechen, 's wär' mein einziger Sohn, und wär' so brav, und ich könnt' ihm das nicht anthun und an seinem Ehrentage fehlen, da hat er mir die Sündenvergebung verweigert. Ich habe gemeint, ich muß in die Erde sinken, wie ich aus dem Beichtstuhl heraustrat und mir's war, als ob alle Leute mich ansähen, als ständ' es an meiner Stirn geschrieben, daß ich eine so große Sünderin sei, der man nicht einmal die Absolution erteilen konnte. Ich hätte doch nicht in der Kirche bleiben können, denn ich hätte ja nicht kommunizieren dürfen, und dann hätten's erst recht alle Leute gewußt, wie es mit mir steht … und da habe ich auch noch gelogen und habe ein paar Bekannten gesagt, mir wäre recht übel und ich müßte fortgehen. Freilich war's auch wieder nicht gelogen, denn übel war mir's auch. Mein Mann ist außer sich über die Sache – ach Du lieber Gott, und ich weiß nun nicht, was ich machen soll.«
Das Weib schwieg und sah beinahe ängstlich nach Peter Frohwalt hin, als ob es gerade von ihm eine Meinung erwarte. Auch Vetter Martin, dem man es ansah, daß ihn innerlich der Unmut erfaßt hatte, schaute schweigend seinen jungen Freund an. Dieser rang offenbar mit sich selbst; eine wärmere Röte huschte über sein Gesicht und nach einem Augenblicke des Schweigens sprach er ruhig und milde:
»Meine liebe Frau Franke – gehen Sie in Gottes Namen zur Trauung Ihres Sohnes, denn die Stimme des Mutterherzens ist hier auch Gottes Stimme!«