Heiß stieg es dem Mädchen in die Augen, das Kind aber ließ, noch immer lächelnd, die Rose niedergleiten und sagte voll naiver Ueberzeugung:
»Mutterchen schläft!«
»Ja, dein Mütterchen schläft!« sprach jetzt eine ernste Stimme laut, und an das Grab trat der Vetter Martin mit seinem Kranze in der Hand. »Möge sie schlafen in Frieden, Amen!« fügte er hinzu und ließ den Kranz hinabfallen, und als ob der Himmel seine Zustimmung geben wollte, grollte jetzt dumpf und fern der erste Donner.
Bald war der Totengräber nur allein noch an dem Orte und schaufelte die Grube zu. Freidank aber ging, begleitet von dem Pastor, seinem Häuschen zu, und Marie mit dem Kinde, ging zur Seite des Vetters Martin hinterdrein. Die Leute aber, die sich von dem Friedhof aus zerstreuten, sprachen untereinander:
»Das war einmal erbaulich! – So schön ist's nicht, wenn ein Katholisches begraben wird; das Lateinische verstehen wir nicht, und das Vaterunser wird auch immer so schnell hergesagt … nein, der junge Pastor versteht's, ans Herz zu greifen.«
Am andern Morgen aber legte manche Frauenhand einen Blumenstrauß oder ein Kränzchen nieder auf dem Grabe in dem verlorenen Friedhofswinkel, und als bei Zeiten der trauernde Witwer kam, fand er den Hügel schon geschmückt. Er hatte wenig geschlafen in der Nacht, und vieles war ihm durch den Sinn gegangen, während stundenlang ein Gewitter über dem Städtchen hing, ab und zu ein Blitz seine Stube erhellte und der Donner langsam verhallend grollte. Jetzt am Morgen war alles frisch, blühend, ruhig und die Sonne schien wieder; auch in seinem Herzen war's wunderbar still geworden. Er ging von dem Grabe seines Weibes, auf welches er einen Strauß von Rosen niedergelegt hatte, auch diesmal wieder nach der Pfarrei.
Der Pfarrer hatte am Fenster gestanden und ihn kommen sehen, und ihn befiel ein leises Unbehagen; trotzdem er den Satzungen der Kirche gemäß gehandelt hatte, empfand er doch etwas wie ein Gefühl des Unrechts gegen den Mann, und er empfing ihn darum mit ganz besonderer Freundlichkeit.
Auch diesmal lehnte Freidank den ihm angebotenen Sitz dankend ab.
»Was ich zu sagen habe, Herr Pfarrer, thue ich besser stehend. Ich komme nur, um Ihnen meinen Austritt aus der katholischen Kirche anzuzeigen.«