Der greise Priester erschrak, daß er mit der Hand nach einer Stuhllehne faßte, und er brachte kein Wort hervor als: »Herr Freidank – –«

»'s ist mein heiliger Ernst, Hochwürden … es kommt mir nicht leicht an, denn ich bin ein guter Katholik gewesen – wenigstens glaubte ich ein solcher zu sein – und es wäre mir auch kein solcher Gedanke eingefallen …«

»Aber haben Sie denn diesen Entschluß reiflich erwogen?« fragte der Pfarrer, der jetzt erst die Fassung wiederfand. »Sie handeln zweifellos unter dem Eindrucke einer augenblicklichen Erregung, und da das Gesetz eine gewisse Bedenkzeit verlangt, so hoffe ich, daß der Himmel Sie erleuchten und stärken wird, und daß Sie der heiligen Kirche treu bleiben, in welche Sie hineingeboren sind.«

»Ich habe alles erwogen, und in dieser Gewitternacht ist mir der Weg klar geworden, welchen ich gehen muß, und von dem mich nichts abbringen kann. Wenn mein armes Weib, wie der Herr Kaplan behauptet, nicht in den Himmel kommen kann, so brauche ich auch nicht hinzugelangen; sie ist mir im Leben brav und treu gewesen, und wenn uns der Tod auch auseinandergerissen hat, so will ich doch, wenn ich einmal sterbe, wieder mit ihr zusammen sein. Und wenn schon die Evangelischen einen besonderen Himmel haben sollen, oder auch gar keinen, nun, so will ich das Schicksal meiner lieben Grethe teilen. Wo die allgemeine Menschenliebe fehlt, kann auch nicht der rechte Glaube sein – die Empfindung hab' ich, wenn ich auch nur ein schlichter Handwerker bin. Sie sind gut, Hochwürden, das weiß ich, aber daß Sie trotzdem nicht so dürfen, wie Ihr gutes Herz will, daß Sie mein armes Weib als eine Ketzerin verdammen müssen, obgleich Sie wissen, wie brav und tüchtig sie war, das ist's vor allem, was mir die Kirche verleidet, und weshalb ich noch einmal Ihnen meinen Austritt aus derselben erkläre.«

»Aber bedenken Sie doch Ihr Seelenheil, lieber Freidank! Berauben Sie sich nicht freiwillig der Gnadenmittel, wie sie in den heiligen Sakramenten Ihnen geboten werden.«

»Ich befehle mich der Gnade Gottes, wie mein Weib ihr befohlen worden ist, der auch Ihre Gnadenmittel nicht zuteil wurden. – Lassen Sie uns abbrechen, Herr Pfarrer, ich könnte sonst die Ruhe verlieren, die ich mir zu diesem Schritte am Grabe meiner guten Grethe geholt habe und könnte aufgeregt und bitter werden. Ihnen danke ich für alle Ihre Liebe, und ich hoffe, Sie verdammen mich auch nicht um dieses Schrittes willen.«

In den Augen des alten Pfarrers stieg ein feuchter Schimmer auf; er gab dem schlichten Handwerker die Hand und sagte:

»Gehen Sie mit Gott, Herr Freidank, und sein heiliger Geist erleuchte Sie! Vielleicht sagen Sie mir in vier Wochen doch noch anderen Bescheid.«

Der Uhrmacher schüttelte langsam das Haupt und ging, der Pfarrer aber griff nach einem Gebetbuche, das auf einem Eckbrett lag: Er wollte beten für die Seele, welche, wie er selbst nicht mehr zweifelte, seiner Kirche verloren ging.