Die ganze Szene machte einen unendlich widerwärtigen Eindruck, und das empfanden selbst einige der Anwesenden, trotzdem die Geister des Weines bei allen mehr oder minder ihre Wirkung übten.
»Aber wir haben doch hier keine Leihanstalt!« bemerkte scharf einer der Offiziere … (S. 388.)
»Aber wir haben doch hier keine Trödelbude oder Leihanstalt!« bemerkte endlich kalt und scharf einer der Offiziere, und nach diesem Worte wurde es unheimlich still in dem Gemache. Die Lichter schienen trüber und düsterer zu brennen, die Luft zum Ersticken schwül und schwer zu werden. Alle Augen wandten sich nach Haller und dieser fand kein Wort der Erwiderung. Er hatte das Gefühl, daß er kein Recht habe, weiter hier zu sein; aus allen Blicken schien Verachtung zu reden, und so erhob er sich, todbleich, schlotternd, mit zusammengebissenen Zähnen und feuchter Stirn. Er raffte seine Uhr an sich und schwankte schweigend hinaus. In der Nähe der Thüre hörte er wie im Traum die Stimme des Herrn von Sorb:
»Vergessen Sie nicht – morgen Mittag!«
Einige Augenblicke später stand er im Freien. Er wußte nicht, wie er die Treppe herabgekommen war, und um ihn schien alles zu schwanken, so daß er mehrmals mit den Händen hastig in die Luft griff, als suche er nach einer Stütze. Die Kühle des Abends berührte ihn angenehm, und barhäuptig, wie er war, schritt er durch die stillen nächtlichen Gassen, hinaus auf die freie Straße, und ging weiter, immer weiter. Wie lange er so gegangen war, darüber gab er sich keine Rechenschaft.
Der Himmel hatte sich mit trüben Wolken behangen, und ein feiner Regen begann niederzugehen, als er durch ein kleines Dorf kam. Das lag still und schlafend; nur ein Hund, der den späten Wanderer spürte, bellte heiser. Haller fühlte sich müde und elend, körperlich und seelisch. Aber sein Kopf war so wüst, daß er gar nichts zu denken vermochte, nur das eine Gefühl hatte er, daß er mit der Verachtung der Menschen belastet sei.
So kam er an die Schenke. Ein mattes Licht fiel durch die Fenster auf die Straße, und er gedachte einzutreten, denn die Schwäche begann ihn zu überwältigen. Die niedrige Stube war voll Tabaksqualm. In der Nähe des Ofens saßen drei Bauern, jüngere Burschen, und spielten Karten; auf der Ofenbank lag der Wirt. Er erhob sich langsam bei Hallers Eintritt, und auch die Drei sahen sich nach dem barhäuptigen Herrn um, der wie eine Gespenstererscheinung auftauchte. »Bringt mir Salzbrot und ein Glas Branntwein!« sagte dieser mit heiserer Stimme, indem er sich an einem Tische niederließ, und jetzt betrachteten ihn die Burschen beinahe frech und zudringlich.
Er aß und trank mit Gier und hörte zwischendurch mit halbem Ohre die spöttischen Bemerkungen der rohen Gesellen.
»Ein Schnapsbruder im Frack!« sagte der eine.