»Weiß seine Frau bereits davon?« fragte er.
»Es ist ein Herr vom Gericht vorausgefahren, um sie vorzubereiten,« sagte der Mann.
»Fahren Sie ganz langsam, ich will vorausgehen!«
Damit eilte Severin so schnell er konnte von dannen, die schwere, braune Kutte aufraffend, damit sie ihn nicht hindere beim Ausschreiten. Bebenden Herzens lief er die Treppe hinan in dem freundlichen Hause, ein weinendes Dienstmädchen kam ihm entgegen, und gleich darauf stand er vor Therese.
Sie war marmorbleich, aber Thränen schien sie nicht gefunden zu haben. Die großen dunklen Augen lagen tief in dem weißen Gesichte und hatten einen seltsamen Glanz. Als sie ihren jungen Beichtiger erkannte, eilte sie ihm entgegen … sie wollte sprechen, aber sie vermochte es nicht, und wortlos, wie ein Kind an das Herz des Vaters, sank sie an seine Brust und nun erst konnte sie weinen.
Was der junge Kapuziner in diesem Augenblicke empfand, war unbeschreiblich; eine Flut der mannigfaltigsten Empfindungen durchtobte ihn: Schmerz, Mitleid, Jammer, Lust und Glück waren da zugleich. Da hielt er sie an seinem Herzen und in seinem Arme; er fühlte das Beben ihres Leibes, das Wehen ihres Atems … und doch, kein Hauch der Sinnlichkeit überkam ihn, nur etwas wie das Bewußtsein eines stillen, unsäglichen, kurzen Glücks. In Sekunden durchlebte er unendlich viel. Aber hier galt es Kraft und Fassung.
»Gott sei mit Ihnen! Mehr kann ich in dieser Stunde Ihnen nicht sagen, seine Wege aber sind unerforschlich und weise. Er weiß, warum er es zuließ, daß dieses Eheband, das er durch meine Hand knüpfte, so plötzlich und gerade so zerrissen wurde. Ihm möge er gnädig sein, und Ihnen wird er seinen Frieden wieder schenken, der Ihnen so lange schon gefehlt hat. Seien Sie getrost – noch haben Sie Ihren guten Vater und Ihre Freunde!«
Er sprach ohne jedes salbungsvolle Pathos, schlicht und herzlich, und das junge Weib hob die überströmenden Augen nach ihm auf und reichte ihm die Hand.
»O, ich danke Ihnen! Mein Vater wird bestürzt sein, und es thut mir so leid um ihn … bitte, telegraphieren sie ihm in meinem Namen, wie Sie es für gut halten!«
»Gern, aber nun nehmen Sie mit Fassung auch das Härteste auf sich: Nehmen Sie den Verschiedenen noch einmal auf, denn er kommt eben an.«