Sie aber preßte die weiße Stirne gegen das Holzgitter, das sie von seinem Sitze trennte, und begann leise, zaghaft zu sprechen, indes er das Haupt neigte und seine Hände krampfhaft in einander schlang. Das war nicht eine Beichte, wie sie sonst üblich war mit Beobachtung der vorgeschriebenen Einleitungsworte … es war auch nicht ein Sündenbekenntnis, sondern ein banges Stammeln einer gequälten Seele, eine Geschichte von dem Märtyrertum eines stillen, verschwiegenen Frauenherzens, das in seiner Angst und in seinem Jammer sich in den Schutz der Kirche flüchtet, und nicht Sündenvergebung, sondern Trost und Rat erfleht.

Jetzt erst erkannte Severin mit sehenden Augen die ganze Größe des Elends, dem das junge Weib preisgegeben war, und sein Herz zog sich schmerzlich zusammen. Daß sie auch ihm gerade all das erzählen mußte, der sein Herzblut gegeben hätte, um sie glücklich zu machen, und der nun gar nichts thun konnte, ja kaum recht wußte, was er ihr sagen sollte. Ihm war gewiß noch elender zu Mute, als der Armen, die zu seinen Füßen kniete, und nun, nachdem sie ihm erzählt von ihrem gestrigen Versuch, den Gatten sich zurückzugewinnen und von dem letzten Worte, das sie gesprochen und das sie in ihrem feinfühligen Wesen heute beinahe als zu hart bereute, schweigend harrte, was er ihr verkünden werde.

Der Mönch atmete tiefer, er sandte ein heißes Stoßgebet zum Himmel und dann begann er zu sprechen, warm, herzlich, ruhig. Ihm war selbst, als ob aus ihm ein anderer, Höherer rede; ihm schien, als ob er noch niemals in seinem Leben so die rechten Worte gefunden habe, mit denen er sein Beichtkind hinwies auf Gottes Vaterhuld, die niemandem mehr auferlege, als er tragen könne, und wie seine Allmacht auch Mittel finden werde, ihrem Leid ein Ende zu bereiten. Für ihr Verhalten gegen ihren Gatten am gestrigen Tage sprach er sie frei von aller Schuld und Verantwortung; sie habe nur gethan, was ihre Pflicht und ihr Recht war.

Es läutete bereits zum andern Male zum Meßgottesdienst, aber er unterbrach sich nicht, und als er endlich schloß, und das Zeichen des Kreuzes über Therese machte, da war ihm die Brust so frei und gehoben, er fühlte, daß er des Priesters schönste, weihevollste Pflicht getreulich erfüllt habe, und ihn überraschte und verwirrte es nicht, als sein Beichtkind sich über seine Hand neigte und sie mit heißen Lippen küßte.

Getröstet und erhoben war die junge Frau aus dem kleinen Kirchlein heimwärts gegangen, und sie fühlte sich ungleich ruhiger als vorher, trotzdem ihr Gatte noch immer nicht zurückgekehrt war.

Es kam die Mittagszeit und um dieselbe Herr von Sorb. Therese empfing ihn mit kühler Höflichkeit, und er sprach sich verwundert aus, als er hörte, daß er Dr. Haller nicht antreffe; er schien beinahe mißtrauisch gegenüber der Mitteilung zu sein und äußerte:

»Er verließ doch gestern bei Zeiten R…« – er nannte den Namen der Stadt, wo am Abend vorher gespielt worden war – »freilich zu Fuße, denn sein Pferd hatte er verkauft. Ich werde mir gestatten, morgen wieder vorzusprechen, gnädige Frau …«

Damit ging er und sinnend trat Therese an das Fenster. Ihr Gatte hatte sein Pferd verkauft – sie fühlte, was damit gesagt war; er hatte sich auch wohl geschämt, ohne Pferd am hellen Tage heimzukommen und werde die Nacht abwarten. In ihre Seele kam wieder ein Hauch von bitterer Bangigkeit … und aufs neue gingen die Stunden, bis endlich der Nachmittag die furchtbare Kunde brachte.

Ein Fuhrmann hatte am Morgen den Toten gefunden am Straßenrand, gelehnt an eine alte Fichte, wie einen Schlafenden. In der Stirn war eine kleine, runde, schwarz gerandete Oeffnung, die Schußwaffe lag neben ihm. Der Fuhrmann war, von Entsetzen erfüllt, ins nächste Dorf gefahren und hatte dort Mitteilung gemacht, dann war der Gemeindevorstand mit einem zufällig anwesenden Arzte hinausgeeilt, und der letztere hatte festgestellt, daß der Erschossene der Dr. Haller aus … sei, und daß hier zweifellos ein Selbstmord vorliege. Das übliche Protokoll wurde aufgenommen, und dann die Leiche auf einen Wagen geladen, mit einer alten Decke zugedeckt und nach dem Städtchen gefahren, wo seine Frau lebte. Und hier war sie nachmittags angekommen.

Sie fuhr vorüber an dem Kapuzinerklösterchen, eben als Severin aus der Pforte trat. Der Fuhrmann grüßte ihn, und da ihn die furchtbare Nachricht drückte, erzählte er sie dem jungen Mönche. Dieser erbleichte und verlor einige Augenblicke die Fassung, dann aber dachte er des armen jungen Weibes.