Zwanzigstes Kapitel.

Die Alumnen des fürsterzbischöflichen Seminars in Prag waren aus den Ferien wieder zurückgekehrt, und mit ihnen kam der Geist des Unfriedens und der Gehässigkeit wieder in das große, finstere Jesuitengebäude neben der St. Klemenskirche. Die nationalen Gegensätze hatten sich indessen noch mehr zugespitzt unter dem Einflusse der deutschen Siege. Wie eine seltsame Heldensage war die Geschichte des Tages von Sedan und der Zusammenbruch der Kaiserherrlichkeit Napoleons III. durch die Lande gegangen, und die Deutschen in Oesterreich vergaßen den seit 1866 in ihren Herzen noch immer nagenden Groll über dem stolzen Bewußtsein, daß es die Waffen der Stammesbrüder waren, welche den alten welschen Uebermut so tief demütigten und zuletzt auch Oesterreich eine Rache schafften für das Jahr 1859 und seine Verluste. Die Tschechen aber verbitterte das deutsche Kriegsglück nur noch mehr. Ihre Teilnahme wandte sich in auffälliger, gehässig herausfordernder Weise den Franzosen zu, sie suchten die Siege der Deutschen, die einmal nicht ungeschehen zu machen waren, zu verkleinern, und wo sie die Gewalt und das numerische Uebergewicht hatten, äußerte sich dies mitunter in geradezu roher Weise.

Die Bewegung welche in der ganzen Stadt, ja wohl im ganzen Böhmerlande bemerkbar war, zitterte auch im Seminar zu Prag nach. In den gemeinsamen Schlafsälen der Alumnen, in den Gängen und Höfen fiel manches scharfe Wort, das von nationaler Erbitterung redete, und für die gegenseitige Anfeindung schienen alle Mittel recht.

Der Seminarist Vogel, der um seines ruhigen, ernsten Wesens willen sich ein gewisses Ansehen erworben hatte, der aber auch sein deutsches Bewußtsein niemals preisgab, sondern dasselbe gerade damals im Kreise von Stammesgenossen entschieden betonte, galt als Hauptvertreter des Deutschtums und erfreute sich deshalb des besonderen Hasses der nationalen Gegner. Er kümmerte sich darum wenig, ging ruhig und ehrlich seinen Weg weiter und vermied es in jeder Art, irgendwie die andere Partei herauszufordern. Freilich konnte auch er das Dichterwort nicht Lügen strafen:

Es kann der Beste nicht im Frieden leben,
Wenn es dem schlimmen Nachbar nicht gefällt –