und an einem Nachmittage sollte er die Wahrheit desselben ganz besonders empfinden. Er war mit einigen Freunden nach Gewohnheit in dem Hofe auf- und abgeschritten, und die aus Frankreich immer neu eintreffenden Siegeskunden bildeten den naheliegenden Gesprächsstoff. Es mochte sein, daß sie dabei etwas lebhafter wurden, ohne jede herausfordernde Absicht, aber tschechische Alumnen, die sie schon lange beobachteten, schienen doch eine solche zu wittern und fühlten sich zweifellos durch den nationalen Gesprächsstoff verletzt. Sie mischten sich darum – diesmal sogar in deutscher Sprache – in die Unterhaltung und suchten hämisch die deutschen Siege zu verkleinern. Vogel fühlte keine Neigung, sich in einen müßigen Streit einzulassen und bemühte sich immer wieder, der Erregung die Spitze abzubrechen und das Gespräch auf einen anderen Stoff hinüberzulenken. Dabei aber war er ganz und gar nicht glücklich. Er war mit einem etwas gewagten Sprunge auf die neue Glaubenslehre von der Unfehlbarkeit gekommen, sowie darauf, daß die Gläubigen bereits zu Anfang September von den Kanzeln herab nicht bloß die Verkündigung desselben, sondern auch die Forderung der Unterwerfung unter dasselbe vorgetragen erhielten.
»Da hättet Ihr's wohl auch lieber gesehen, wenn die deutschen Bischöfe einen Sieg über den heiligen Vater davongetragen hätten, anstatt daß sie zu Kreuze gekrochen sind?« fragte höhnisch ein langer, hagerer Mensch in mangelhaftem Deutsch.
»Das sind wohl nicht die ganz richtigen Ausdrücke,« bemerkte Vogel ruhig – »und was wir lieber gesehen hätten oder nicht, darauf kommt es nicht an, aber was bisher geschehen ist, kann nicht der letzte Abschnitt sein in der Geschichte dieses Glaubenssatzes.«
»Nein, der letzte wird sein, daß man Euch hinausjagt aus dem Seminar, denn Ihr habt jetzt eure Köpfe so voll von deutschem Großmannsdünkel, daß Ihr glaubt, Ihr braucht auch dem Papste nicht mehr zu gehorchen.«
»Man hat uns ebenso wie Euch gelehrt, daß man Gott mehr gehorchen müsse als den Menschen!«
»Hört die deutsche Spitzfindigkeit! Als ob der Papst ein beliebiger Mensch wäre!« rief einer, und ein anderer sagte:
»Wissen Sie denn, Vogel, daß Sie eigentlich mit Ihren Ansichten gar nicht mehr in das Kleid passen, das Sie tragen?« und ein dritter fügte bei:
»Und daß Sie sich von der Kirche füttern lassen, obgleich Sie ihr den Gehorsam weigern? Sie sagen's ja offen, daß Sie die neue Glaubenslehre nicht annehmen, so seien Sie doch auch so ehrlich und verlassen Sie das Seminar!«
In Vogels Gesicht stieg eine Röte des Unwillens und des Zorns:
»Noch haben andere bessere Männer, die derselben Ansicht sind wie ich, sich nicht bewogen gefühlt, darum das geistliche Gewand abzulegen – –«