Auch diesem schufen die Zeitverhältnisse Unruhe und Pein. Was der Vetter Martin in Rom bereits vorausgesagt hatte, daß die widerstrebenden Bischöfe sich zuletzt doch dem neuen Glaubenssatze, den sie nach bestem Wissen und Gewissen bekämpft hatten, fügen würden, war eingetroffen. Es war geradezu traurig, anzusehen, wie manch einer sich drehte und wendete, um sich wegen seiner Nachgiebigkeit vor sich und seinen Diözesanen zu entschuldigen. Nichts, auch nicht das Geringste, war geschehen, was vom Standpunkte der Wissenschaft und der Moral eine andere Auffassung der Unfehlbarkeit als vordem oder gar eine Berechtigung derselben dargeboten hätte, und doch brachte der sonst so tüchtige Rottenburger Bischof Hefele das Opfer seiner Ueberzeugung, weil es ihm zu thun war »um die Einheit der Kirche«; der Bischof von Trier verschanzte sich jetzt hinter den heiligen Geist, der in der Frage des Glaubenssatzes zuletzt die Entscheidung und damit den Sieg über menschliche Meinung und menschlichen Irrtum herbeigeführt habe, der Erzbischof von München-Freising forderte von den gelehrten und frömmsten Männern, deren Rat und Ansehen ihm bis dahin alles gegolten, unbedingte Unterwerfung und drohte mit der Ausschließung aus der Kirche, der Bischof von Mainz drehte und wendete sich in geschraubten Redensarten, welche zwar die ganze innere Hilflosigkeit und Schwäche bekundeten, aber doch darauf hinausliefen, daß man sich fügen müsse, nachdem die Kirche gesprochen, und der Erzbischof von Prag, »der Führer der Opposition« hatte von allen Kanzeln herab den neuen Glaubenssatz verkünden lassen als ein von der ganzen Kirche geheiligtes Gesetz.

Durch die Seele Frohwalts ging ein bitterer, banger Zwiespalt. Sollte er einfach dem Beispiele folgen, das von den Kirchenfürsten gegeben war, und die Verantwortung dafür, daß er gegen sein Gewissen, seine Erkenntnis und seine heiligste Ueberzeugung handle, auf sie abladen? Das war wohl das Wohlfeilste und Naheliegendste, und tausend und abertausend Priester würden es thun, wie es Professor Meyer und andere bereits gethan hatten. Oder sollte er den Mut haben, die verderbliche und bedenkliche Neuerung auch jetzt noch zu verwerfen, und damit auch alle weiteren Folgen auf sich nehmen?

Bis jetzt hatte man ihm noch nicht zugemutet, sich klar und bündig darüber zu äußern; man nahm wohl seitens seiner Vorgesetzten als selbstverständlich an, daß er keinen weiteren Widerstand gegen den Glaubenssatz ausübe, und vermied es geradezu, mit ihm darüber zu sprechen, weil man ein solches Gespräch unter den obwaltenden Verhältnissen als peinlich erkennen mußte. Er konnte also mit einem entsprechenden geistigen Vorbehalt seine priesterlichen Pflichten weiter üben, so lange man nicht von selbst ihn zwang, Farbe zu bekennen und ihn nicht von denselben entband. Freilich war auch das nicht ganz ehrlich. Sein Rechtsbewußtsein verlangte, daß er, zumal als Lehrer der jungen Priesterschaft, auch unumwunden keine Täuschung darüber obwalten lasse, wie er zu der neuen Lehre stehe, und wie er sie aus allen Gründen, die bisher dagegen gesprochen, auch jetzt noch verwerfe. So hatten es andere mutige Männer, wie der Stiftsprobst Döllinger und der Professor Friedrich in München, die Professoren Reinkens, Reusch u. a. gehalten, denen er seine Achtung nicht zu versagen vermochte.

Aber wenn man ihn exkommunizierte, aus der Kirche und aus seinem Amte ausstieß, – was dann? Was sollte er in der Welt beginnen? Welchen Beruf ergreifen? – Und wie würde das seine Mutter treffen! Das war ihm der bängste, schmerzlichste Gedanke. Sollte er die Ruhe und das Glück der alten Frau, das gerade in ihm und seiner Stellung begründet war, so mit einem Schlage vernichten, und noch dazu jetzt, da bei ihrer anhaltenden Kränklichkeit ihr Leben durch eine solche Thatsache gefährdet werden konnte? Langsamen Schrittes, gesenkten Hauptes ging er auf und nieder in seinem freundlichen Gemache – da pochte es, und gleich darauf trat der Alumnus Vogel ein.

»Verzeihen Sie, Herr Doktor, wenn ich in einer ernsten Angelegenheit Ihren Rat erbitte, aber ich weiß nicht, an wen ich mich mit mehr Vertrauen wenden möchte,« begann der junge Mann, sobald er den ihm angebotenen Sitz eingenommen hatte.

»Sie wissen, daß ich Ihnen gern in jeder Weise behilflich bin,« erwiderte Frohwalt schlicht und herzlich, aber nicht ohne eine leise Befangenheit, denn ihn überkam eine Ahnung dessen, was sein junger Landsmann wollte.

»Ich darf Ihre Zeit nicht lange in Anspruch nehmen, und will mich kurz fassen. Es betrifft den Glaubenssatz von der Unfehlbarkeit. Wir sind gelehrt worden, daß er den alten Satzungen der Kirche zuwider, gegen Ueberlieferung, Kirchengeschichte und Kirchenrecht sei, und das hat gegolten bis vor wenigen Wochen. Seitdem ist er aber als Lehre der Kirche offen hingestellt und die Katholiken sind zur Anerkennung aufgefordert worden. Es widerstrebt jedoch meinem innersten Wesen, etwas, was bis vor kurzem als unrecht angesehen wurde, heute, ohne daß ich über die Gründe Klarheit gewinnen kann, auf einmal wie durch einen Gewaltakt als Recht hingestellt zu sehen, und so wollte ich Sie bitten, mir zu sagen, ob ich ein Unrecht begehe, wenn ich die Anerkennung verweigere?«

Frohwalt senkte seinen Blick vor dem klaren Auge des jungen Mannes, der mit dieser Frage an seine eigene Seele klopfte, und er fand nicht im Augenblicke die Antwort; eine kleine Pause trat ein, ehe er erwiderte:

»Mein junger Freund, Sie wenden sich in einer Angelegenheit an mich, die nicht nur Ihr Gemüt bewegt, sondern deren Beantwortung ich mir selbst bereits vorgelegt habe. Was jetzt in der Kirche geschieht, ist wohl geeignet, die Herzen zu verwirren, und ich weiß nicht, ob es nicht richtig wäre, erst noch eine gewisse Klärung abzuwarten, denn es will mir dünken, als ob das letzte Wort in dieser Sache noch immer nicht gesprochen sei.«

»Sie meinen, Herr Doktor, daß ein Teil der Kirchenfürsten ihre frühere Anschauung wieder aufnehmen und vertreten könnte?«