Frohwalt geriet in Verlegenheit.
»Das meine ich nicht, lieber Vogel. Die Bischöfe haben sich einhellig unterworfen, daran ist nicht zu zweifeln, aber der Widerstand, welcher von ganz hervorragenden Theologen und hochangesehenen christlichen Laien erhoben wird, ist etwas, worüber man doch nicht zur Tagesordnung ohne weiteres übergehen kann. Es ist kaum glaublich, daß man so kurzer Hand mit der Ausschließung gegen sie vorgehen wird.«
»Man wird ihnen vielleicht eine gewisse Bedenkzeit geben und dann wird man auch vor dem letzten Schritte nicht zurückschrecken. Doch darum handelt es sich für mich nicht. Ich möchte wissen, wie ich mich zu verhalten habe. Ich bin ja nur ein bescheidenes Glied der Kirche, und meine Meinung und mein Thun wiegt in der Allgemeinheit nichts, aber ich möchte nicht vor mir selber erröten müssen, ich möchte mich selbst achten können, und darum bitte ich Sie inständig: Sagen Sie mir aufrichtig, ob Sie mit Ihrem christlichen Sinn, mit Ihrem Rechtsgefühl im Stande sind, sich der Forderung Roms zu unterwerfen?«
Frohwalt that einen tiefen Atemzug. Hier galt es die erste Probe seines Mutes, und er war sich klar darüber, dieselbe würde Folgen haben müssen. Hier half auch kein Versteckenspielen und Ausweichen, der Alumnus vor ihm, der ihm sein Herz seit langer Zeit erschlossen, hatte das Recht auf eine gerade, ehrliche Antwort, und so antwortete er bestimmt und fest:
»Nein!«
»Dann erlauben Sie mir nur noch eine Frage. Sie sind Priester, haben die heiligen Weihen, und da Sie auf dem Boden der letzteren stehen, auf Grund deren Sie Ihre unvertilgbare Würde erhalten haben, so dürfen Sie abwarten, was man Ihnen thun werde, und darin liegt wohl mehr Mut, als mancher vielleicht glauben mag. Ich soll diese Weihe erst erhalten mit der Verpflichtung auf die neue Glaubenslehre und es hängt von mir ab, ob ich als ein Heuchler das Priesteramt übernehme oder vorher ehrlich erkläre, daß meine katholische Ueberzeugung mich die neue Lehre nicht anerkennen läßt. Würden Sie – o verzeihen Sie mir die seltsame Frage – wenn Sie Alumnus und an meiner Stelle wären, dies Gewand noch weiter tragen?«
Frohwalt fühlte, wie eine heiße Röte ihm in die Wangen stieg; er empfand den unausgesprochenen Vorwurf, der in den Worten des Jünglings lag, die ihm geradezu den Weg zu zeigen schienen, den auch er gehen mußte, wenn er ehrlich sein wollte, aber Vogel sah ihn an, bang an seinem Munde hängend, und so sprach er mit gedämpfter Stimme:
»Ich würde es nicht mehr tragen!«
»Ich danke Ihnen, Herr Doktor! Ihr Wort soll mir gelten, und ich gehe von hier zum Herrn Seminardirektor, um ihm meinen Austritt anzuzeigen. Es thut mir leid um meine guten Eltern, die gern einen Priester aus mir gemacht hätten, aber sie sind einsichtsvoll genug, um mir keinen Zwang anzuthun. Ich danke Ihnen!«
»Gehen Sie mit Gott, Vogel – Sie sind ein tüchtiger, ehrlicher Mensch, und der Himmel wird Sie nicht verlassen. Bewahren Sie mir ein freundliches Gedenken!«