»Für immer!« sagte der junge Mann herzlich, und drückte warm die ihm gebotene Hand, und wenige Augenblicke später war Frohwalt allein, erregter und unruhiger als zuvor. Gab es denn für ihn noch etwas anderes, als der Jüngling gethan? War es für ihn nicht Pflicht, gleichviel ob man ihn darum fragte oder nicht, zu erklären, daß sein Gewissen ihm nicht gestatte, sich der willkürlich geschaffenen Neuerung zu unterwerfen? War er denn nicht bereits ausgeschlossen, auch wenn es nicht geradezu ausgesprochen war? Hatte er denn noch ein Recht, die Messe zu lesen, die Sünden zu vergeben und die andern Sakramente zu spenden?

Der Seminarist war zu ihm gekommen, um vertrauensvoll sich seinen Rat zu erbitten, und er war für sich selbst so ratlos, so bange und unschlüssig. An wen sollte er sich wenden in seiner Bedrängnis? Von den angesehenen Priestern und den Lehrern der Hochschule gab es, nachdem auch Meyer sich willig gefügt hatte, keinen, der ihm nicht den Rat gegeben haben würde, sich der Forderung der Kirche zu unterwerfen … dann hatte man ja Ruhe und konnte auf Ehre und Anerkennung rechnen und sich im schlimmsten Falle, wenn das Gewissen sich rührte, beruhigen mit dem Worte der Schrift, daß Gehorsam besser sei als Opfer. Nur eine Persönlichkeit tauchte noch vor seiner Seele auf, die stark und vorurteilslos genug schien, auf jede Gefahr hin den Weg der eigenen Ueberzeugung zu wandeln und auch einem andern Gleichgesinnten als Stütze dienen zu können, und diese war Professor Holbert.

Zu ihm beschloß Frohwalt am nächsten Morgen zu gehen, und dieser Gedanke gab ihm einigermaßen Ruhe und Fassung wieder. In dieser Stimmung fiel ihm seit langem einmal das »Laienbrevier« in die Hände, und er blätterte darin, ohne Bestimmtes zu suchen, und ließ seine Augen da und dort über einzelne Abschnitte schweifen, bis sie an der Stelle haften blieben:

Nimm Thorheit nicht für Weisheit an, nicht Trug
Für Wahrheit! Nie begnüge Dich, o Mensch,
Wo und wie lange Dir noch eins gebricht;
Frei, kühn tritt auf und ford're stark das Gute!

Es war ihm, als höre er den Vetter Martin reden, so schlicht und bündig, treuherzig und gerade. Ja, der Alte, der ihm das Büchlein von Leopold Schefer einst gegeben, war wohl ein Geistesverwandter des alten Dichters und hatte damals gewußt, was er that. Er wollte mit diesem Werkchen immer unsichtbar bei Peter Frohwalt sein, ihn seinen Geist fühlen lassen, und ihm ein Mahn- und Warnwort in ernster, bewegter Stunde durch den Mund seines Lieblingspoeten zurufen. Ja, wenn er den Vetter Martin um Rat fragte, so würde der ihn vielleicht an jene Stunde in Rom erinnern, da Frohwalt mit einem gewissen Selbstbewußtsein das Wort Martin Luthers vom Wormser Reichstage gesprochen hatte. Jetzt gelte es, auch dafür einzustehen, wenn er sich nicht vor dem braven Alten schämen wollte.

Mit dem Gedanken an diesen begab er sich zur Ruhe und schlief tief und gut bis an den Morgen.

Als er am Vormittage nach der Zeltnergasse kam zu Professor Holbert, empfing ihn Therese im Trauergewande, aber freundlich und herzlich. Sie bedauerte, daß er ihren Vater nicht anträfe, welcher vor einer Stunde bereits zu Seiner Eminenz dem Cardinal-Erzbischof beschieden worden sei, und bat Frohwalt, zu warten, da er bald zurückkehren müsse. Dieser blieb, und so saß er wieder einmal in dem freundlichen Salon, wo er damals mit Stahl, Severin und Haller zusammengewesen, und er mußte die Gedanken, welche ihn erfaßten, gewaltsam zurückdrängen. Mit keiner Silbe wurde des Unseligen gedacht, um so mehr aber sprach Therese von Frohwalts Mutter und Schwester, die ihr beide so lieb und wert geworden waren, sowie von seinem Schwager, dem Uhrmacher Freidank, dessen biederes, schlichtes und bescheidenes Wesen ihr in freundlicher Erinnerung war, und sie berichtete von ihm manchen kleinen Zug aus seiner Häuslichkeit und von seinem wahrhaft religiösen Wesen, daß es Frohwalt beinahe mit leiser Beschämung empfand, daß diese Fremde mehr und Besseres von seinen eigenen Verwandten wußte, als er selbst.

Indessen befand sich Holbert bei dem Cardinal Schwarzenberg. Dieser hatte den angesehenen Gelehrten mit jener vornehmen Freundlichkeit empfangen, die ihn im gesellschaftlichen Umgange auszeichnete, und das ganze Beisammensein hatte nicht den Charakter einer Audienz, sondern den eines ungezwungenen Gedankenaustausches, bei welchem der Professor bald genug die herrschende Stellung gewann.

Die beiden Männer befanden sich im Arbeitszimmer des Kirchenfürsten und saßen sich hier gegenüber. Das sonst so klare Auge des Cardinals war heute einigermaßen unruhig, und die Finger der feinen Hand spielten nervös auf der Lehne seines Sessels. Es war ihm ein gewisses Unbehagen anzumerken angesichts des bevorstehenden Gesprächs. Er hatte nach der Begrüßung sofort begonnen:

»Sie vermuten wohl, Herr Professor, weshalb ich Sie zu mir bitten ließ.«