Holbert verneigte sich stumm.

»Ich habe zu meinem aufrichtigen Bedauern vernommen, daß Sie, auch nachdem der Glaubenssatz von der Unfehlbarkeit von der Kirche allgemein angenommen worden ist, den Kampf gegen denselben fortsetzen.«

»Eminenz, ich thue nur, wozu mich meine katholische Ueberzeugung und meine Pflicht als Lehrer des Kirchenrechts nötigen.«

»Ich meine, die höchste Pflicht ist jene gegen die Kirche; sie hat entschieden, wir Katholiken haben zu gehorchen.«

»Verzeihung, Eminenz, aber es gab noch vor kurzem eine Zeit, da deutsche Kirchenfürsten ihre höchste Pflicht darin fanden, eine unbillige und gefährliche Neuerung zu bekämpfen, und seitdem hat sich nichts in der Begründung der neuen Lehre, wohl aber manches in den Anschauungen der geistlichen Oberhäupter geändert.«

Die Wangen des Cardinals röteten sich, und eine Sekunde lang senkte er den Blick vor dem durchdringend klaren Auge, welches ernst auf ihm ruhte; seine Stimme klang leiser, verschleiert, als er sagte:

»Was ich gethan habe, dafür bin ich nur Gott und Seiner Heiligkeit Rechenschaft schuldig, und da will ich's verantworten.«

»Ich meine doch auch Ihren Diözesanen, Eminenz, die in Verwirrung sind durch den Zwiespalt der früheren und der heutigen Anschauung.«

»Sie verkennen die Verhältnisse, Herr Professor. Meine und der meisten meiner Amtsbrüder Widerstand galt nicht dem neuen Glaubenssatze; als wir uns darüber äußerten und aus Klugheitsgründen die Unfehlbarkeitslehre bekämpften, traten wir nicht gegen die Kirche auf, sondern gegen eine zunächst nur als Meinung hingestellte Sache. Heute ist das anders. Der heilige Geist hat in der Schlußkongregation entschieden, die Unfehlbarkeit ist Glaubenssatz geworden, und ich und andere Kirchenfürsten haben gegen die fertige Lehre kein Recht mehr anzukämpfen.«