Ein beinahe schmerzliches Lächeln umzog den Mund Holberts:
»Wollen Eure Eminenz mir huldvollst gestatten, daß ich unumwunden und ehrlich mich äußern darf?«
Der Cardinal nickte und lehnte sich schweigend tiefer in seinen Sessel; der Professor aber sprach:
»Ich will nicht daran erinnern, daß nach der Abstimmung vom 13. Juli, in welcher die Mehrheit der in Rom versammelten Kirchenfürsten den neuen Glaubenssatz bereits als solchen angenommen hatte und der Meinungsaustausch darüber zu Ende war, eine große Zahl von deutschen und österreichischen Konzilsvätern, wie die hochwürdigsten Erzbischöfe und Bischöfe Ketteler, Krementz, Hefele, Rauscher, Fürstenberg, Förster, Deinlein und auch Eure Eminenz selbst die offizielle Erklärung dem römischen Stuhl gaben, daß sie nach wie vor Gegner der Unfehlbarkeit bleiben müßten, weil sie keinen Grund zu finden vermöchten, der ihnen eine andere Ueberzeugung beibringen könnte – ich gestatte mir, nur daran zu gemahnen, daß auch nach dem 18. Juli noch ein Teil der deutschen Kirchenfürsten und Theologen den Glaubenssatz verwarfen, dessen Zustandekommen auch vom kirchenrechtlichen Standpunkte schwer anfechtbar erscheint; ich gestatte mir, daran zu erinnern, wie einer der gelehrtesten und geistvollsten Kirchenväter, der hochwürdigste Bischof von Rottenburg, wiederholt in Briefen nach dem 18. Juli den neuen Glaubenssatz verurteilt hat, wie, abgesehen von anderen auch Eure Eminenz bei allen wahrhaft gesinnungstüchtigen Katholiken den Glauben zunächst noch fortleben ließen, daß in Ihrer Diözese keine verderbliche und verwerfliche Neuerung, der Sie in innerster Seele selbst nicht zuzustimmen vermögen, verkündet werden würde. Da kam die Reihe der Enttäuschungen, und sie waren bei einzelnen Kirchenfürsten ganz besonders hart. Der Erzbischof von München-Freising, welcher sich über Einzelheiten der neuen Konstitution bei seiner Rückkehr aus Rom erst von dem gelehrten Stiftspropst Döllinger unterweisen lassen mußte, hat denselben Döllinger seither aus der Kirche ausgeschlossen, und der Erzbischof von Köln vermochte den gelehrten und glaubensfesten Theologen von Bonn zu sagen: ›Wenn der Papst und ich übereinkommen, können Sie gar nichts einwenden, Sie sind dann nicht verantwortlich.‹ Das Herz blutet mir und tausend anderen, Eminenz, wenn wir die fadenscheinigen und unhaltbaren Beweggründe hören, mit denen eine Anzahl Kirchenfürsten ihre Ueberzeugung nicht bloß aufgeben, sondern die Gemüter der ihrer Obhut anvertrauten Christen zu vergewaltigen bemüht sind. Und daß Eure Eminenz nun gleichfalls der erkannten und so lange tapfer verteidigten Wahrheit untreu werden, das ist für mich das Allerbitterste. Verzeihung, wenn mir das Herz mit dem Munde durchgeht! Was aus mir redet, ist die Verehrung vor dem Kirchenfürsten, der mir allezeit besonders hoch und wert gegolten, ist die Treue und die Liebe, mit welcher ich an meinem alten katholischen Bekenntnis hänge, ist der Schmerz, der mich erfüllt, wenn ich das Beste und Edelste ins Wanken kommen sehe. Es ist soweit gekommen, daß unsere obersten Hirten nicht mehr den Mut haben, ihren eigentlichen Glauben zu bekennen, und das wird mit Notwendigkeit dazu führen, daß Religion und Kirchenherrschaft zuletzt als Eines angesehen werden. Und wenn das am grünen Holze geschieht, was soll am dürren werden? Woher soll die Priesterschaft den Mut gewinnen, fest zu bleiben in der Meinung, die man vordem ihnen als die einzig richtige hingestellt hat und die nun mit einem Male falsch sein soll? Unrecht kann nicht im Handumdrehen zum Rechte werden durch ein einfaches Machtwort. Das hieße, eine Art Faustrecht in der Kirche aufstellen, welches freilich die Schwachen erdrücken, der Sache der Kirche aber nichts nützen würde. Es ist ganz sicher, daß tausende von Priestern jetzt einfach sich ducken, teils weil sie denken, daß es zwecklos ist, wenn der Einzelne, der Untergebene, Widerstand leistet, teils, weil sie nicht wissen, was aus ihnen werden soll, wenn sie eventuell vom Amte entsetzt oder aus der Kirche ausgeschlossen werden: Es ist für sie eine Brotfrage. O wenn nur eine Anzahl Bischöfe den Mut besäße, auch jetzt noch in dem berechtigten Widerstande zu verharren, es wäre nicht möglich, daß Millionen Christen einfach von Rom aus vergewaltigt würden. Und darum ist meine schlichte, ehrliche Meinung, daß auch Eure Eminenz nicht bloß das Recht hätten, gegen den neuen Glaubenssatz anzukämpfen – sondern noch etwas mehr!«
Cardinal Schwarzenberg hatte mehrmals tiefer geatmet bei den kühnen Worten, und hatte ab und zu die blitzenden Augen, das von warmer Empfindung gerötete Antlitz des Professors gestreift; jetzt, da dieser schwieg und ihn erwartungsvoll ansah, sprach er:
»Ich habe Sie ruhig sprechen lassen, und gebe Ihnen gern zu, daß Sie mir manche bittere Wahrheit gesagt haben. Ich kann mich auch nicht darauf einlassen, mit Ihnen darüber zu verhandeln, ich kann nur sagen, daß ich an die bedenklichen Folgen, welche der Glaubenssatz Ihrer Meinung nach haben soll, nicht glauben kann. Es wird in der Kirche nicht anders werden als bisher, nur das Ansehen des Stellvertreters Christi auf Erden hat gewonnen, und das kann uns nicht schaden.«
»Verzeihung, Eminenz, wenn ich auch darüber mich noch zu hören bitte. Ich habe die Erklärung der einzelnen Kapitel der neuen Konstitution bei mir. Gestatten mir Eure Eminenz gnädigst, betreff des dritten Kapitels den Passus zu zitieren.« – Holbert suchte rasch in dem Hefte, das er aus der Brusttasche zog und las:
»Wer daher sagt, der römische Papst habe lediglich das Amt der Aufsicht oder Führung, nicht aber die volle und höchste Jurisdiktionsgewalt über die ganze Kirche, nicht nur in Sachen des Glaubens und der Sitten, sondern auch in Sachen, welche die Disziplin und die Regierung der über die ganze Erde verbreiteten Kirche betreffen; oder derselbe besitze nur den bedeutenderen Anteil, nicht die ganze Fülle dieser höchsten Gewalt; oder diese seine Gewalt sei keine ordentliche und unmittelbare, sei es nicht über alle und jegliche Kirchen, oder über alle und jegliche Hirten und Gläubigen: der sei im Banne!«
»Nun, Eminenz – das ist doch klar und deutlich gesprochen und heißt, der Papst hat die volle und höchste Gewalt in Glauben, Sitten, Disziplin und Kirchenverwaltung. Und diese Gewalt wird bezeichnet als eine ordinaria et immediata, eine regelmäßige und unmittelbare, und demnach ist der Papst überhaupt der alleinige Bischof der gesamten Kirche. Ich bitte Euer Eminenz, die Tragweite dieses Gedankens zu erwägen. Was ist dadurch der einzelne Bischof oder Erzbischof mehr oder anderes als eine Puppe, die am Draht bewegt wird, wenn der Papst in jeder Diözese, zu jeder Stunde, nach freiem Belieben Pfarreien und Präbenden geben und nehmen, die Diözesangrenzen nach Willkür verschieben, die Diözesanvorschriften nach Gutdünken verändern, den Bischof selbst nach Belieben des Amtes entsetzen, das Kirchenvermögen zu seinen persönlichen Zwecken verwenden und vieles andere thun kann, was die schlimmsten Folgen nach sich ziehen könnte? Wir sind so weit gekommen, daß wir nicht mehr in der Lage sein sollen, unsere Bischöfe als vom heiligen Geiste eingesetzt ansehen zu können, da sie nur noch Geschäftsträger und Vikare des Papstes sind, der ihm mißliebige Personen beseitigen und sie ohne weiteres durch gefügige und unter Umständen selbst verworfene Persönlichkeiten ersetzen kann …«
»Sie malen zu schwarz; so weit wird es nicht kommen, Herr Professor,« rief der Kirchenfürst erregt, Holbert aber entgegnete: