»Vielleicht nicht so bald, aber die Kirchengeschichte weiß von sehr verschiedenartigen Stellvertretern Christi zu erzählen, und Gott gnade der Kirche, wenn unter der Herrschaft des neuen Glaubenssatzes ein Papst die dreifache Krone trüge, dem es beikäme, in unwürdiger Weise seine Gewalt zu mißbrauchen.«
»Wir leben nicht mehr im Mittelalter, Herr Professor … und darum kann ich mich noch nicht überzeugen, daß der Schaden, welcher durch gehorsame Annahme der neuen Glaubenslehre möglicherweise erwüchse, größer wäre, als jener, der bestimmt einträte, wenn wir in dem Widerstande verharrten.«
»Und welcher Schaden ist das, wenn ich mir die unterthänige Frage gestatten darf, Eminenz?«
»Daß wir zu einer Kirchenspaltung kommen müßten.«
»Und meinen Eminenz, daß eine solche überhaupt zu vermeiden ist? – Ich glaube, sie hat sich bereits vollzogen und wird bald noch schärfer zu Tage treten. Eine Anzahl geistig hervorragender und durch Festigkeit und Gläubigkeit ausgezeichneter Katholiken sind sich völlig klar darüber, daß die Kirche, welche diese constitutio dogmatica de Ecclesia Christi annimmt, nicht mehr die katholische Kirche ist, welche vor dem 18. Juli und seit 1800 Jahren bestand, und diese neue katholische Kirche ist verkörpert in dem römischen Bischof.«
»Wie« – fuhr der Kirchenfürst beinahe entsetzt auf – »demnach halten Sie uns, mich und die Bischöfe, welche den Glaubenssatz annehmen, für Abtrünnige?«
»Ich kann nicht anders, Eminenz, denn wer zu der römisch-päpstlichen Kirche sich zählt, die seit dem 18. Juli über dem Satze der Unfehlbarkeit errichtet ist, gehört nicht mehr zu der alten katholischen, apostolischen Kirche.«
Der Cardinal war aufgestanden und stand mit erbleichten Wangen vor dem kühnen Manne, der ihn fest ansah; dann sprach er mit leise bebender Stimme:
»Ich will dies Wort nicht gehört haben … ich müßte die Ausschließung über Sie verhängen – und das sollte mir leid thun.«