»Bin gestern abend just wegen Dir heimgekehrt, aber das wollen wir jetzt nicht erörtern. Bete jetzt hier dein Vaterunser, und dann geh' in Gottes Namen in die Kirche und werde ein Priester nach seinem Herzen!«
Der seltsame Mann trat zurück unter die Leute, die sich hier angesammelt, Peter aber neigte sich über den grauen Stein, der seines Vaters sterbliche Reste deckte … und man hörte einige Augenblicke nur das klangvolle Tönen der Glocken und verhaltenes Schluchzen ergriffener Frauen. Dann erhob sich der junge Priester, bedeckte sein Haupt, das er entblößt hatte, mit dem Barett und sprach wieder ruhig:
»In domum Domini ibimus!«
Dann lenkte der Zug in das von Menschen dichtgefüllte Gotteshaus ein, und mit dem Glockenklang mischte sich der lärmende Schall von Trompeten und Pauken, aus deren Gewirr sich endlich in klarer Majestät die Orgel herausarbeitete, deren Töne auch hinausdrangen in den stillen Friedhof, wo Vetter Martin noch lange an dem Grabe Franz Frohwalts stand. Die Kirche selbst betrat er nicht.
Drinnen hatte der Gottesdienst seinen Anfang genommen. Der Guardian der Kapuziner hielt die Festpredigt, während welcher der Primiziant zur Seite des Hauptaltars auf einem Faldistorium, einem rotgepolsterten Lehnstuhle, saß, umgeben von den andern Priestern, und dann folgte die feierliche Messe, in welcher der junge Priester, gleichfalls unter zahlreicher Assistenz, zum ersten Male von seiner Würde Gebrauch machte.
Als er die Hostie in den Händen hielt, und das Wort sprach, durch welches nach seinem Glauben das Wunder der Verwandlung sich vollzog: »Hoc est corpus meum – das ist mein Leib,« als er das Knie beugte vor der Gottheit und sich in tiefem, andachtsvollem Schweigen die Häupter aller Anwesenden neigten, rann ihm ein Schauer durch den Leib, und er ward erst ruhiger, als nach der Wandlung die Orgel mit weichen Tönen wieder einsetzte und zarte, süße Frauenstimmen vom Chor herab das »Benedictus« anstimmten.
Nach dem Hochamte drängte das Volk heran an das Gitter, welches den Hochaltar gegen den andern Raum absperrte, und die Vordersten knieten nieder. Es war die Stunde gekommen, da der Neugeweihte seinen ersten priesterlichen Segen erteilte. Die Ersten, welche ihn empfingen, waren seine Mutter und seine Schwester. Er legte ihnen die weißen Hände auf die Häupter und machte mit stillem Gebete über sie das Zeichen des Kreuzes – desgleichen allen, die sich herandrängten.
Eine schwüle Luft erfüllte das Gotteshaus, der Schweiß rann dem jungen Priester über das Gesicht, und er trocknete sich immer wieder mit seinem Taschentuche ab, aber unermüdlich und mit freudigem Herzen übte er seine Pflicht, bis niemand mehr da war, welcher seines Segens begehrte. Es war leer geworden in der Kirche, nur seine Mutter und Schwester saßen noch in der vordersten Bank, die Seele erfüllt von Stolz und Glück, und warteten auf ihn. Er legte in der Sakristei die Meßgewänder ab, dann trat er in seinem schwarzen Talar hervor, beugte vor dem Hochaltar unter der ewigen Lampe das Knie, und nun gingen die drei Menschen, der junge Priester in der Mitte, hinaus.
Es war um die Mittagsstunde geworden, die Gasse lag still und einsam, und langsam schritten sie hin und schweigend. Aus den Fenstern lugte da und dort ein Gesicht und nickte ehrfürchtig-vertraulich heraus. Peter Frohwalt war es seltsam zumute; ihm war, als wäre er eben erst ein anderer geworden. Er mußte daran denken, wie er als Knabe in diesen Gassen gespielt hatte, wild und lustig, wie er in manchem dieser kleinen Giebelhäuser bis unter das Dach hinaufgeklettert war mit fröhlichen Genossen und manchen dummen Streich verübt hatte, von dem die Leute doch wissen mußten, die heute demütig vor ihm auf den Knieen gelegen, um seinen Segen gebeten und ihm die Hand geküßt hatten. Seine Mutter aber sah ihn immer wieder von der Seite her an mit glücklichen Augen, und bei aller Ehrfurcht vor dem geweihten Sohne hätte sie ihn am liebsten wie in Kindertagen bei der Hand genommen und hätte ihn so durch die stille, sonnige Gasse geführt.
So kamen sie zu dem kleinen Hause beim Thore. Die Guirlande um die Thüre war welk geworden, wie die Blumen auf der Schwelle, aber die Fenster blinkten freundlich, und hinter der einen Scheibe sah das scharfgeschnittene Gesicht des »Vetter Martin« durch.