Das Herz Stahls schlug rascher, als er dies bemerkte, und sobald der Professor sich abgewendet, folgte er mit beschleunigtem Schritte dem Mädchen, das er auch am Eingange des alten Friedhofes ereilte und begrüßte. Sie dankte einigermaßen überrascht, aber ohne jede Verlegenheit und nahm auch die ihr angebotene Begleitung des jungen Theologen, der auch heute kein geistliches Abzeichen trug, an. Den aufdringlichen Fremdenführer, welcher seine Dienste anbot, wies Stahl zurück mit dem Bemerken, daß er genugsam hier bekannt sei, um sich selbst als Führer empfehlen zu können, und langsam trat das junge Paar in einen der seltsamsten Friedhöfe ein, die es wohl überhaupt geben mag.
Beth Chajim, Haus der Lebenden! Es ist eine schöne, symbolisch tiefe Bezeichnung – aber der Besucher fühlt, daß er in einer Stadt der Toten ist, und noch dazu in einer uralten, mit recht unregelmäßigen Gassen und Gäßchen, mit tausenden stiller Wohnungen, die bedeckt sind von ebenso vielen alten, grauen, verwitterten Steinen mit hebräischen Inschriften und alttestamentlichen Symbolen. Sie hocken neben und über einander, sehen sich über die Schultern weg, wie um sich an einander zu stützen, oder auch, als ob sie wunderliche alte Geschichten sich zuraunten. Hier liegen Geschlechter über einander geschichtet, und der Fuß berührt keinen Flecken, unter dem nicht Tote ruhen. Vom Denkmal der Sarah Katz berichten die geschwätzigen Führer, daß es aus dem Jahre 606 der christlichen Zeitrechnung stamme, und bei dem Grabe des Rabbi Löw bleiben sie stehen und rühmen die Gelehrsamkeit und Weisheit des Mannes, dessen verwitterter Leichenstein mit Eisenklammern zusammengehalten wird und bedeckt ist von größeren und kleineren Steinen und Scherben, wie fromme Pietät sie hier niedergelegt hat. Unter den Symbolen findet sich häufig ein Krug, das Sinnbild des Stammes Levi, während zwei wie zum Segen emporgehaltene Hände auf Aarons erlauchtes Geschlecht deuten. Es ist etwas eigenes um die Kinder dieses Stammes; sie kommen nach dem Totenacker nur, wenn sie gestorben sind; ein Betreten bei Lebzeiten macht sie unrein. An besonderer Stelle, dem Ephel, der eine ansehnliche Erhöhung bildet, liegen Tausende von Kinderleichen, und Jahrhunderte haben diesen Hügel getürmt.
Was aber den seltsamen Reiz dieses Friedhofs besonders erhöht, das sind die uralten Hollunderbüsche, die dicht an einander gedrängt, ihre Kronen in einander verwachsen und die verwitterten Leichenmale überdecken und umhüllen; durch ihr Gewirr führen schmale Steige über das Gras hin, Gäßchen, enger als jene im Ghetto, und ungleich anmutiger.
Und es war im Mai. Der Flieder blühte; seine blauen Dolden hingen dicht gedrängt zwischen dem grünen Blattwerk, weit herab auf die grauen Steine, und ein wundersamer, süßer Duft wob durch den Beth Chajim, berauschend und berückend. Durch Blüten und Duft gingen zwischen den Gräberreihen die beiden jungen Menschen hin, und es mochte ein liebliches Bild sein, als sie nach kurzer Wanderung sich auf einer Steinbank niederließen, im Schatten des blauen Flieders: Hans Stahl im dunklen Anzug, das Mädchen heller gekleidet; beide Gesichter voll Jugendfrische und Lebensdrang – ein seltsamer Kontrast zu dem Orte, wo sie waren!
Das ungefähr dachte auch der Vetter Martin, der ganz unfern von ihnen, ungesehen hinter einem Strauche stand, und sich an dem hübschen Stimmungsbilde so freute, daß er die Augen nicht davon wenden konnte. Warum hätte er auch gehen sollen? Er hätte vielleicht das Pärchen aufgescheucht, und Geheimnisse schienen hier nicht verhandelt zu werden, außer solche des Herzens, und die haben zu allen Zeiten denselben Ausdruck gefunden. Das wußte der Alte, er hatte auch einmal von Liebe gestammelt – es war lange her – aber ein anderer war ihm zuvorgekommen, ehe er die Liebste heimführen konnte, und seitdem war er ein einsamer Wanderer geblieben.
Daran dachte er jetzt nicht; er gönnte auch dem hübschen jungen Paar das trauliche Selbander, und wäre eigentlich erstaunt gewesen, wenn der junge Mann nicht gesagt hätte:
»Ist das nicht herrlich hier? – So losgelöst von der ganzen Welt zu Zweien zu sitzen unter blühendem Fliedergesträuch und auf Minuten alles vergessen zu können außer dem, was man zur Seite hat – das ist ein Augenblick, wie ich ihn längst geträumt!«
Der Alte sah zwischen dem Blattgewirr eine feine Röte in das Antlitz des Mädchens steigen und deutete sie in seiner Weise, aber er war wunderlich enttäuscht, als er dasselbe sagen hörte: