Dem Priester rannen zwei schwere Thränen über die Wangen; er streckte wortlos dem Alten die Hand hin, dieser aber begann von der Botanik und von seinen Reisen zu reden, bis die Nachbarsfrau mit einem großen Korbe anrückte. Sie deckte den Tisch mit einem sauberen Linnen, und dann begann sie auszupacken: Geflügel und Braten, Mehlspeisen und Kompott, als ob ein halb Dutzend Menschen essen sollten, und dazwischen stellte sie eine Flasche dunkelglutigen Vöslauers und zwei Gläser. Sie wünschte wohl zu speisen und ging. Der Pfarrer aber saß da, wie in einem Märchen, und atmete den Duft der Speisen ein, und vermochte noch immer nicht zu reden.
Vetter Martin war der liebenswürdigste Wirt; er legte dem andern vor und schenkte ihm ein, und sie stießen an auf den Namenstag. Die Wassersuppe schien doch nicht besonders Grund gelegt zu haben, und der alte Weltwanderer verstand auch, diese Sorte »schlechter« Mägen zu behandeln. Der Pfarrer thaute auf; er vergaß Elend, Sorge und Unwohlsein und erzählte von vergangenen schönen Tagen, Vetter Martin aber feierte ein Johannisfest, wie er es sich nicht hatte träumen lassen.
So war es um die dritte Nachmittagsstunde geworden, und der Alte forderte den Priester zu einem kleinen Spaziergange auf; dieser aber erklärte, daß er beim besten Willen nicht gehen könne, seine Beine wären zu schwach, und außerdem habe ihn der gute Wein etwas angegriffen und schläfrig gemacht. Da wollte sein Besucher nicht weiter in ihn dringen, und nachdem er ihm versprochen hatte, am nächsten Tage wieder zu kommen, verließ er ihn. Von dem Mahle aber war noch so viel vorhanden, daß es wohl noch für zwei Tage für den Pfarrer ausreichen mochte.
Es war ein herrlicher Maitag; schimmernde weiße Wölkchen zogen über den dunkelblauen Grund des Himmels hin, und die grauen Häuser der steil ansteigenden Spornergasse erschienen freundlich und festlich. Trotzdem hatte Vetter Martin keine Neigung, den Berg emporzuklimmen. Er bog unterhalb des Kleinseitener Ringes in eine Nebengasse gegen das Augustinerkloster zu St. Thomas hin ab, ging vorüber an dem umfangreichen Wallensteinschen Palais, der Prager Residenz des gewaltigen Friedländers, und gelangte endlich an der Moldau entlang zu dem neuerbauten Kettensteg, unterhalb der Franz-Josefsbrücke. Dieser Uebergang über den Fluß war ihm neu, und das lockte ihn zum Ueberschreiten.
So kam er nach oder Altstadt zurück, aber in diesem abgelegenen Teile derselben war kein festliches Gewoge, hier herrschte Stille und beinahe kleinstädtisches Behagen. Dabei fühlte sich Vetter Martin wohler, und er schlenderte langsam weiter, bis er mit einem Male hineingeriet in die engen Gäßchen des alten jüdischen Ghetto. Da fiel ihm ein, daß just in dieser Zeit, da der Flieder blühte, der alte Judenfriedhof Beth Chajim besonders stimmungsvoll und sehenswert sein müsse, und daß er dort heute zweifellos in voller Einsamkeit das wunderlichste Fleckchen der böhmischen Hauptstadt genießen könne Er kannte sich gut genug hier aus und fand auch bald sein Ziel.
Am selben Nachmittage war es, daß auch Hans Stahl von der Kleinseite, wo das Wendische Seminar sich befindet, über die Franz-Josefsbrücke hinübergegangen war, um dem Treiben zu entgehen. Der junge Theologe, der sonst sehr frisch und lebensfroh erschien, war seit einiger Zeit trübsinnig geworden. Er brachte seine Gedanken nicht mehr fort von dem lieblichen Mädchenbilde in der Zeltnergasse, und die Ballade von den zwei Königskindern, die nicht zusammenkommen konnten, verfolgte ihn seit jenem Sonntag-Nachmittag unaufhörlich. Wie die Motte war er um das Licht geflattert und hatte sich die Flügel versengt, aber er konnte trotzdem das Licht nicht meiden. Fast jeder Ausgang führte ihn in die Nähe des Hauses des Professors Holbert, in die Zeltnergasse, und wenn er bei solchen Streifereien Therese auch nur ab und zu flüchtig begegnete, grüßen und ihren Gegengruß entgegennehmen konnte, so war er höchst beglückt.
Auch heute schien er einen guten Stern zu haben. Schon hatte er die Zeltnergasse passiert und stand auf dem Altstädter Ring vor der berühmten astronomischen Uhr, wo eben die Apostel an den offenen Fenstern vorbeischritten, während das Totengerippe die Stundenglocke zog, als ob er das alles noch nie gesehen hätte. Im Grunde aber war es weniger die Uhr, als das zahlreiche Publikum, das mit gespanntem Interesse dem Vorgang sich zuwendete, was ihn interessierte. Dabei hatte er gar nicht bemerkt, daß Professor Holbert mit seiner Tochter vorübergingen, gleichfalls flüchtig nach dem alten Prager Wahrzeichen aufschauten und sich dann nach der alten St. Niklaskirche wendeten.
Gerade als sie dort um die Ecke verschwanden, hatte er sie noch bemerkt, und wie der vom Bogen geschnellte Pfeil eilte er ihnen nach. Sie anzusprechen auf der Gasse hätte er wohl nicht gewagt, aber »errötend ihren Spuren folgen« zu dürfen, schien ihm bereits ein Glück, und sobald er beide wieder vor sich gewahrte, schritt er langsam hinter ihnen drein, die Blicke immer auf die schlanke, elastische Mädchengestalt gerichtet, die im hellen Frühlingskleide ungemein anmutig aussah.
Vater und Tochter gingen Arm in Arm, im freundlichen Gespräch und lenkten zur Verwunderung Stahls hinein in die Karpfengasse, und von da nach dem Ghetto. Ihm war es gleichgültig, was sie dort wohl suchen mochten, in den engen, düstern, schmutzigen Gäßchen, wo der Trödel daheim ist, und wo gegenüberwohnende Nachbarn sich zu den Fenstern heraus beinahe die Hände reichen können. Eine schwere, unbehagliche Luft brütet fast immer, besonders aber während des Sommers, in diesen Regionen, zwischen diesen engbrüstigen Häusern, die von bösen, gehässigen Zeiten zu erzählen wissen, in denen die Christen nicht immer die würdigere Rolle gespielt haben.
Die beiden mit ihrem lebenden Schatten hinterdrein kamen aufatmend heraus bei dem jüdischen Rathause, dessen Uhr statt der Ziffern hebräische Buchstaben weist, und deren Zeiger von rechts nach links wandern, warfen einen Blick nach der altersgrauen Altneuschulsynagoge hinüber, die schon im Jahre 590 n. Chr. erbaut worden sein soll, und an deren dunkle, wohl nie übertünchte Wände mehr als einmal das Blut gemordeter Juden spritzte. Professor Holbert beabsichtigte heute, da er für eine historische Arbeit dessen bedurfte, im Archive des Rathauses nach einem alten Dokumente zu forschen und veranlaßte seine Tochter, ihn auf dem naheliegenden Beth Chajim zu erwarten, und so gingen sie nach freundlichem Händedruck auseinander.