Gegen Abend war Vetter Martin wieder nach der Altstadt zurückgegangen und suchte den Gasthof auf, wo er Herberge genommen hatte. Es war »zum alten Ungelt« hinter der Teynkirche, deren interessante, architektonisch hervortretenden Türme ein besonders malerisches Gepräge dem Altstädtischen Ring verleihen. Als er eintrat in die Gaststube, fand er sie heute zum Johannistage besonders gefüllt, und er suchte nach einem Platze. Nahe bei einem Fenster war ein kleiner Tisch, und dort saß nur ein einziger Gast, in welchem Martin den jungen Theologen vom Beth Chajim wieder erkannte. Das Interesse, welches er an demselben nahm, ließ ihn rasch einen freien Sitz neben ihm in Beschlag nehmen. Hans Stahl dankte nur flüchtig dem Gruße des Fremden, der dann behaglich sein Pfeifchen hervorzog, es stopfte und anbrannte und nun vergnüglich seine Wölkchen in die bereits brav durchräucherte Luft paffte.

»Prächtiges Festtagswetter heute, wie?« fragte er.

»Jawohl!« stieß der andere hervor, und that einen tiefen Zug aus seinem Glase.

»Besonders angenehm auf dem alten Judenfriedhof zu genießen,« fuhr Vetter Martin gleichmütig fort, Hans Stahl aber schielte ihn von der Seite mit einem seltsam fragenden Blicke an und wurde dabei rot; er knurrte ein verlegenes: »Möglich!«

»Sie sind doch dort gewesen, wenn ich nicht ganz irre!«

»Jawohl, aber das kann Sie doch nichts kümmern!«

»Gott bewahre, junger Herr, aber darum brauchen Sie weder hitzig noch unhöflich zu werden; ich kann doch nicht dafür, daß Sie bei der jungen Dame kein Glück gehabt haben.«

»Teufel, Herr – das verbitte ich mir!« brauste der Theologe auf – »schämen Sie sich übrigens, wenn Sie gelauscht haben.«

»Habe ich – sehr unfreiwillig, aber mit großer Teilnahme für Sie, so daß Sie gar nicht in so undankbarer Weise mich anzufahren brauchen.«