»Ich brauche Ihre Teilnahme nicht!«
»Das glaube ich, daß das Ihre Meinung ist, und betreffs Ihrer Liebesgeschichte mögen Sie recht haben; so etwas muß jeder mit sich selber ausmachen, und Sie machen mir den Eindruck, als ob Sie die Willenskraft dazu hätten. Aber etwas anderes hat mich interessiert – warum haben Sie auch nicht einen Platz für Ihre Eröffnungen sich ausgesucht, der weniger dem Publikum zugänglich ist? Sehen Sie, ich bin auch einmal Theologe gewesen, aber ich habe bei Zeiten eingesehen, daß ich dazu nicht tauge, habe umgesattelt und fühle mich wohl dabei, und darum habe ich für jeden Teilnahme, Rat, und wenn's geht, Hilfe, von dem ich höre, daß er ins falsche Fahrwasser gekommen ist. Daß Sie zu allem andern besser passen, als zum Gottesgelehrten, leuchtet mir ein.«
Hans Stahl sah den Alten beinahe verdutzt an, und seltsam umgewandelt frug er:
»Mit wem habe ich die Ehre?«
»Sehen Sie, da schlagen Sie schon einen andern Ton an, und mir ist, als sollten wir noch gute Freunde werden. Im übrigen heiße ich schlechtweg Martin – der Dr. der Theologie Peter Frohwalt pflegt mich auch Vetter Martin zu nennen – und bin meines Zeichens Privatgelehrter und Weltbummler aus Vergnügen, und nun sagen Sie mir einmal ehrlich, wie Sie mit Ihrem heißen Herzen und Ihren schönheitsbegeisterten Augen unter die Kirchenväter geraten sind. Apropos, Sie haben ja nicht einmal ein geistliches Abzeichen?«
Hans Stahl hatte merkwürdiges Vertrauen fast mit einmal gewonnen zu dem wunderlichen alten Herrn mit dem verwitterten, gutmütigen Gesichte, und er brauchte gerade an diesem Tage jemanden, dem er dies Vertrauen schenken konnte. So that er denn allmählich sein junges Herz weit auf und erzählte von den Verhältnissen, welche ihn auf die theologische Laufbahn gebracht hatten, sowie zuletzt auch von der heißen Neigung, welche ihn zur Tochter Professor Holberts erfaßt hatte. Die Mitteilsamkeit schien ihm wohl zu thun, und auch der Alte hörte ihm, ruhig sein Pfeifchen rauchend, zu, nickte einigemale verständnisinnig mit dem grauen Haupte und sagte, als er schwieg:
»Da sind Sie wohl ein Sohn von dem Leinenfabrikanten Bruno Stahl in ** in der Lausitz, der früher in Görlitz lebte, und Ihre Mutter war eine geborene Wildung aus Lauban?«
Der junge Theologe starrte einige Sekunden mit weit offenen Augen und geöffneten Lippen den Alten an, ehe er dessen Fragen bejahte.
»I, sehen Sie doch, was man für wunderliche Geschichten erlebt! Das ist ja, als ob mich der liebe Herrgott gerade Ihretwegen jetzt nach Prag und ins »Alte Ungelt« geschickt hätte und nach dem alten Judenfriedhofe. Und Ihre Geschichte ist mir interessanter als die des Rabbi Löw und der alten Sarah Katz zusammengenommen. Wissen Sie, Ihren Vater kenne ich, und Ihre gute Mutter habe ich gekannt mitsamt deren Familie. Wir sind einmal im Riesengebirge mit einander gereist, haben herrliche Tage verlebt, und Ihr Vater und ich, wir haben uns verwachsen wie zwei gute alte Freunde, und ich bin später auch in Görlitz gewesen. Damals hatten Sie die ersten Höschen an, und darum nehmen Sie mir's nicht übel, wenn ich Sie heute nicht wiedererkannt habe. Mit Ihrem Vater habe ich auch Briefe gewechselt, bis er nach ** übersiedelte, aber ich bin ein schlechter Briefschreiber, und so ist die Sache ins Stocken geraten. Aber nun will ich einmal das Versäumte nachholen, und Sie sollen sehen, daß ich Sie aus dem theologischen Fangeisen heraushole.«