»Herrgott in deinem Reich! Was bist du für ein guter Junge, Konrad. Gut, ich will's für mich behalten bis auf weiteres, aber ein Auge will ich haben auf ihn, und dir rat' ich's auch. – Geh, Schuft, und sieh dich nicht mehr um – es könnt' mich doch gelüsten, dir eine Kugel nachzuschicken. Dein Gewehr laß hier – denn einem Meuchelmörder trau' ich nicht – morgen soll's einer von den Unsrigen dir wiederbringen.«

Wie ein gepeitschter Hund schlich Bastian davon durch die Büsche, und heftig spuckte der Förster aus.

»Pfui – und so ein verlumpter Gesell darf noch den Rock des Vaterlandes tragen? Mir wendet sich die Seele um vor Gift und Galle, und das ganze bischen Frieden, das mir der Wald ins Herz gebracht hat, ist wieder heraus. O wenn's doch bald mit dem Waffenstillstand aus wär' – daß man auf andere Gedanken käme! – Konrad, du bist ein … nein, du bist zu gut für all' das Lumpenpack auf der Welt, und gerade du mußt mit allen zusammentreffen, wie's scheint!«

Der Alte war in fürchterlicher Laune, und Konrad bemühte sich vergebens, dieselbe zu verbessern. Freilich war auch ihm das Herz schwer. Da kannte er nun zwei brave, tüchtige deutsche Väter, und von beiden die bis ins Mark verlotterten Söhne. Woher nur kam es, daß der Apfel so weit vom Stamme fiel?

Zuletzt waren beide schweigsam geworden und schritten in Gedanken nebeneinander hin, bis sie an die Kantonierungen kamen. Da wurden sie mit dem Rufe empfangen: »Morgen marschieren wir aus!« und überall zeigte sich ein so munteres, frisches Treiben, überall Zurüstungen, als ob es morgen schon zum Kampfe gehen sollte, daß es auch den beiden Freunden wieder freier ums Herz und wohler ward.

Es war in der That der Befehl gekommen, daß das Freikorps sofort nach Schwerin zu marschieren und dort und in der Umgebung Kantonnements zu beziehen habe. Dort sollte es weitere Befehle des Generals von Vegesack erwarten, der eine Division des Armeekorps des Generals von Wallmoden befehligte.

Am nächsten Morgen klangen die Hörner, die Trommeln rasselten, Marschlieder erschollen, und frohgemut rückten die Schwarzen aus ihren bisherigen Kantonierungen und zogen über Kyritz, Pritzwalk und Neustadt gegen Schwerin, wo sie am 9. August eintrafen. Kurz vorher aber war ein Reiter bei den freiwilligen Jägern eingeritten, dessen Ankunft allgemeine Freude und Begeisterung hervorrief – Theodor Körner. An einem Mittag war er da gewesen, frisch und kräftig, und alle hatten sich um ihn gedrängt. Er aber rief immer wieder: »Kameraden – aus ist's mit dem Waffenstillstand! Krieg wird's wieder, und Österreich geht mit uns! Noch in diesen Tagen werdet ihr die Feuerzeichen von den Bergen leuchten sehen! Hurra!«

»Hurra, hurra!« brauste es, wohin er kam, und er konnte nicht genug der Hände drücken. Lützow war hocherfreut, da er seinen Adjutanten wieder hatte, und noch begeisterter, gleichwie eine Ovation für den Dichter, erklangen jetzt seine herrlichen Lieder sowohl des Tags über beim Marschieren, als am Abende um die Wachtfeuer.

Körner aber hatte besonders herzlich Schmidt begrüßt, und in Neustadt hatte der Kreis der Besten wieder einmal beisammen gesessen und der junge Dichter hatte berichtet, wie er in geschickter Verkleidung aus Leipzig und aus dem gastlichen Hause Wendlers entkommen und glücklich nach Karlsbad gekommen war. Die Heilquellen Böhmens hatten das Ihrige gethan, aber die Sehnsucht nach seiner lieben »wilden Jagd« hatte ihn dabei beinahe verzehrt. Nun brachte er heile Knochen wieder und frisches Blut, das er, wie vordem, bereit war für das Vaterland zu opfern.

Und die Feuerzeichen stiegen auf von den Bergen, zuerst von jenen an der böhmischen Grenze, dann loderten sie empor überall in Deutschland, und alle patriotischen Herzen schlugen höher, und alle wußten, was das zu bedeuten habe: Krieg, Krieg bis zum Äußersten und Letzten für die heiligsten Güter des deutschen Volkes. Im Lager der Lützower war ein Freuen, ein Umarmen und Händedrücken, und der Major, der an den Fronten seiner Leute hingeritten war und dem überall die Begeisterung in stürmischen Zurufen entgegenbrauste, rief mit aufleuchtenden Blicken, immer wieder im Sattel sich hebend: »Kinder – diesmal gilt's! Siegen oder sterben fürs Vaterland!«