Indes stand weit vorgeschoben seitwärts der Straße Walther mit seinem kleinen Pikett. Durch das nächtliche Dunkel war nichts zu erkennen, aber das Ohr vernahm doch den Marschschritt, das Klirren von Waffen und endlich auch Schüsse. Dem Förster war es klar, daß ein neuer Angriff der Franzosen stattfand, daß es aber nicht möglich sein werde, länger demselben standzuhalten. Er hatte seine Posten vorsichtig ausgestellt, und schweigend harrte das kleine Häuflein dessen, was nun kommen werde. Das dumpfe Knattern der Schüsse in der Nacht hatte etwas Unheimliches, das schien selbst der Hund zu empfinden, der leise winselte. Da kam ein Reiter heran – es war eine Ordonnanz, die den Befehl brachte, sich bei der Palmschleuse über die Stecknitz zurückzuziehen, und die sogleich weiter jagte, um die Ordre auch andern Abteilungen zu überbringen.

Eben wollte das Pikett abmarschieren, als noch ein zweiter Reiter kam; es war Bastian. Er trug noch immer die Binde um die Stirne, aber man schien seiner Verwundung wenig genug zu achten und gebrauchte ihn als Ordonnanz.

»Befehl des Herrn Lieutenants von Heyde, die Stellung hier auf das Äußerste zu behaupten, bis zur Gegenordre!« sagte er, und Walther sah ihn einigermaßen verdutzt an, auch die andern Soldaten standen erregt in Marschordnung.

»Herr Bastian – ist das kein Irrtum?« rief Walther, und jener erwiderte: »So war mein Auftrag!«

»Nun denn, Kameraden – so bleibt nichts übrig, als ehrlich auszuhalten!«

In diesem Augenblicke machte das Pferd Bastians eine kurze heftige Bewegung, und der Reiter rutschte dabei aus dem Sattel.

»Was ist Ihnen?« fragte der Förster besorgt, aber einer der Leute, welcher hinzugesprungen war, sagte beinahe verächtlich: »Er ist betrunken!«

So war es auch, und dem Eindruck konnte sich auch Walther jetzt nicht verschließen; zugleich war es ihm klar, daß von den beiden Ordonnanzen Bastian zuerst abgeschickt worden war, aber infolge seines Zustands sich verspätet hatte, so daß der zuerst erhaltene Befehl zum Rückzuge zweifellos der richtige war. Er sprach das auch dem Elenden gegenüber aus, dem man wieder in den Sattel half und der in seinem unwürdigen Zustande sich gar nicht bemühte, zu leugnen. Er ritt, so eilig er konnte, von dannen, die kleine Abteilung aber marschierte jetzt im Geschwindschritt, um, während die braven Genossen von der 2. Kompagnie sich noch mit dem Feinde schlugen, die Palmschleuse zu erreichen, was ihnen auch glücklich gelang. Von allen Seiten kamen die auf dem Rückzug befindlichen Lützower, um den Übergang über die Stecknitz zu gewinnen, und nachdem auch die letzte Kompagnie über die Brücke sich zurückgezogen hatte, wurde dieselbe in Brand gesteckt.

Nun rückten die Franzosen in Lauenburg ein, eben als der Augustmorgen erwachte. Konrad Schmidt hatte davon keine Ahnung. Er lag im Obergeschoß eines Hauses, das einem Arzte gehörte, einem alten braven Junggesellen, der sich seiner warm und herzlich angenommen hatte, und schlief, da der Blutverlust ihn doch geschwächt und sich zudem ein leichtes Fieber am Abend eingestellt hatte.

Da kam sein freundlicher Wirt in das Gemach. Er sah einige Augenblicke besorgt den Schlafenden an und wollte sich eben wieder entfernen, als von der Straße herauf Trommelwirbel und Marschschritt klang. Konrad wachte auf, sah einen Augenblick starr und verdutzt umher, und indem er sich aufrichtete, fragte er den Arzt: »Was bedeutet das?«