Dann redeten die beiden weiter von der Not des Vaterlandes und von den Männern, welche von Königsberg aus die Erhebung vorbereitet hatten, und von dem Sturm, der jetzt durch alle deutschen Herzen ging. Mit einem Mal seufzte aber der alte Förster tief und ließ sein Haupt sinken:

»Und wenn ich denken müßte, mein Junge wäre nicht dabei!«

Der Student sah ihn schweigend und teilnahmsvoll an, und dem Alten ging die Seele auf:

»Ich kann's Ihnen ja sagen, denn wenn wir Kriegskameraden werden, sind wir uns ja keine Fremden, und dann – haben Sie auch der Schläferin drüben so freundlich die Hand gestreichelt. Ich hab' einen Sohn – wenn er noch lebt – der wenig älter ist, als Sie – mein einzig' Kind; er war ein wilder, frischer Junge, und die Mutter – Gott hab' sie selig – hat ihn viel zu lieb gehabt. Das hat er ihr aber schlecht gedankt! Auf die schlimme Seite hat er sich geworfen, schlechte Streiche hat er gemacht, daß wir uns schämen mußten und daß uns die Haare noch mehr ergrauten, und da ich ihn darum scharf anfaßte, ist er bei Nacht und Nebel in die Welt gegangen – Gott weiß, wohin. Wir haben seit Jahren nichts mehr gehört von ihm – vielleicht ist er irgendwo eingescharrt in fremder Erde, vielleicht ist's noch schlimmer … o du mein Herrgott, und doch wär's jetzt eine Zeit, in der er manches gut machen könnte.«

Das Haupt des Alten sank auf die Brust, die Pfeife war ihm ausgegangen; auf seinem Knie aber ruhte wie freundlich tröstend der Kopf seines Hundes, und auf seine Rechte legte sich die Hand seines jungen Gastfreundes.

»Den Kopf hoch, Freund! – Solche Tage klopfen an jedes deutsche Gewissen, und Euer Sohn müßte keinen Tropfen Blut von Euch haben, wenn er jetzt nicht den Weg fände zum Vaterlande und zum Vaterherzen!« sagte Konrad Schmidt; der Förster aber drückte ihm die Hand.

»Und jetzt kommen Sie zur Ruh – Sie sind müde, und ich bin's auch; es war in diesen Tagen selbst für einen Waldbären, wie ich es bin, zu viel!«

Er führte seinen Gast nach einem kleinen, freundlichen Stübchen im Obergeschoß, stellte ihm das brennende Licht auf den Tisch und bot ihm herzlich eine gute Nacht. Er selbst aber schlich leise, als ob er die Schläferin nicht wecken wollte, noch einmal zu seinem toten Weibe, streichelte mit der rauhen Hand ihre erstarrte, kalte Wange und sagte: »Schlaf gut, Gertrud!«

Und über sein gebräuntes Gesicht rollte ihm eine große Thräne in den Bart hinab.

Der nächste Morgen war trübe und kühl. Mit dem dünnen Sprühregen, welcher niederging, mischten sich noch vereinzelte Flocken, und in den weinenden Tag hinein fuhr langsam der Wagen, auf welchem der mit Tannenreis umwundene Sarg stand, dem Kirchhofe entgegen, der etwa eine Stunde entfernt war. Hinterdrein ging der Förster mit seinem Gaste und seiner Magd, sowie mit zwei älteren Berufsgenossen, die sich zeitig schon bei ihm eingefunden hatten aus der Nachbarschaft. Hinter den Leuten her trottete Flott mit gesenktem Kopfe, als müsse auch er seine Trauer bekunden, denn die Tote hatte ihn mit ihrer hageren Krankenhand gar manchmal geliebkost.